Rinder und Waldböcke

Nilgauantilope

Nilgauantilope (Nilghai; Boselaphus tragocamelus), Bulle im Tiergarten Groß-Gerau Nilgauantilope (Nilghai; Boselaphus tragocamelus), Bulle im Tiergarten Groß-Gerau
© Klaus Rudloff, Berlin

Überordnung: LAURASIATHERIA
Taxon ohne Rang: CETARTIODACTYLA
Ordnung: Paarzeher (ARTIODACTYLA)
Unterordnung: Wiederkäuer (Ruminantia)
Unterfamilie: Echte Rinder (Bovinae)
Tribus: Asiatische Waldböcke (Boselaphini)

Red list status least concern

Nilgauantilope

Boselaphus tragocamelus • The Nilghai or Blue Bull • Le nilgaut

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Nilgau-Bulle (Boselaphus tragocamelus) im Tierpark Hamm © Klaus Rudloff, Berlin

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Sehr optimistische Verbreitungskarte der Nilgauantilope (Boselpahus tragocamelus) nach Roter Liste der IUCN

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Nilgaukuh (Boselpahus tragocamelus), freilaufend im Taman Safari Indonesia, Bogor © Peter Dollinger, Zoo Office Bern

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Nilgaukuh (Boselaphus tragocamelus) im Zoo Chorzow, Polen © Klaus Rudloff, Berlin

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Nilgau-Gruppe (Boselaphus tragocamelus) im Zoo Dresden © Peter Dollinger, Zoo Office Bern

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Nilgaukälber (Boselaphus tragocamelus) im Tierpark Hellabrunn, München © Tierpark Hellabrunn (Pressefoto)

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Füße einer Nilgaukuh (Boselaphus tragocamelus) im Tierpark Hellabrunn © Klaus Rudloff, Berlin

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Nilgaukalb (Boselaphus tragocamelus) im Zoo von Mährisch-Ostrau © Klaus Rudloff, Berlin

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Rennender Nilgau-Bulle (Boselaphus tragocamelus) im Tierpark Berlin © Klaus Rudloff, Berlin

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Nilgaukälber (Boselaphus tragocamelus) in der Abliegphase im Tierpark Berlin © Klaus Rudloff, Berlin

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Nilgau-Kuh (Boselaphus tragocamelus) im Tiergarten Nürnberg © Peter Dollinger, Zoo Office Bern

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Nilgau-Kuh (Boselaphus tragocamelus) im Tiergarten Nürnberg © Peter Dollinger, Zoo Office Bern

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Junger Nilgau-Bulle (Boselaphus tragocamelus) im Tiergarten Nürnberg © Peter Dollinger, Zoo Office Bern

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Nilgauantilopen (Boselaphus tragocamelus) im Tierpark Berlin © Klaus Rudloff, Berlin

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Nilgauantilopen (Boselaphus tragocamelus) in begehbarem Gehege im ehemaligen Tierpark Silberweide in Mönchaltorf. Aufnahme ca. 1971 © Peter Dollinger, Zoo Office Bern

 

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Zur Illustration des Sexualdimorphismus bei Huftieren ist der Nilgau von zoopädagogischem Interesse und wird recht oft in europäischen Zoos und Tierparks gehalten, oft vergesellschaftet mit anderen Arten des Indischen Subkontinents auf "Indien"- oder "Asien"-Anlagen.

Körperbau und Körperfunktionen

Der Nilgau ist eine große Antilope mit ausgeprägtem Geschlechtsdimorphismus. Die Bullen erreichen eine Kopf-Rumpflänge von 180-210 cm, eine Schwanzlänge von 46-53 cm, eine Schulterhöhe von 130-140 cm und ein Gewicht von 200-388 kg. Die Kühe werden etwa 170 cm lang, 100-120 cm hoch und 120-212 kg schwer. Die Tiere haben einen 30-35 cm langen Schwanz. Nur die Bullen tragen bis etwa 18 cm lange, leicht gekrümmte Hörner. Die Bullen sind stahl- oder blaugrau gefärbt und haben schwarze Beine, die Kühe und Kälber sind hellbraun [2; 4; 7].

Im Übrigen beschreibt BREHM [1] die Art (auszugsweise) wie folgt: "Der Nilgau ... erscheint gewissermaßen als ein Mittelding zwischen Hirsch und Rind. Kopf, Hals und Beine sind kurz gebaut, die übrigen Leibestheile erinnern an die der Stiere. Der Leib ist schwach gestreckt, ziemlich dick, am Widerriste höher, an der Brust stärker und breiter als am Hintertheile, auf den Schultern mit einem schwachen Höcker bedeckt, der Hals mäßig lang, der Kopf schmal, schlank, schwach gewölbt an der Stirne, breit an der Schnauze, mit lang geschlitzten Nasenlöchern, behaarter Oberlippe, mittelgroßen, lebhaften Augen, kleinen, aber tiefen Thränengruben. ...  Die Läufe sind hoch und verhältnismäßig stark; die Füße haben große, breite Hufe und abgeplattete und abgestumpfte Afterklauen. Der Wedel reicht bis zum Fesselgelenke herab und ist zu beiden Seiten und an seiner Spitze mit langen, oben aber mit kurzen Haaren bekleidet, so daß er einer gleichfahnigen Feder ähnelt. Das Weibchen hat zwei Paar Zitzen. Eine kurze, glatt anliegende, etwas steife Behaarung bedeckt den Körper, verlängert sich aber im Nacken zu einer aufrecht stehenden Mähne und am Vorderhalse, unterhalb der Kehle, zu einem Büschel, welcher lang und tief herabhängt."

Verbreitung

Südasien: Indien Nepal (Terai), Pakistan (hauptsächlich entlang der Grenze zu Indien). In Bangladesch ausgestorben. Für jagdliche Zwecke eingeführt in den USA, namentlich im südlichen Texas, wo mittlerweile sehr große Bestände leben, sowie in Mexiko [3; 4].

Lebensraum und Lebensweise

Hinsichtlich ihrer Ansprüche an den Lebensraum sind Nilgaus Generalisten. Sie besiedeln Grassteppen, Buschland, Savannen, lichte, laubabwerfende Trockenwälder und Agrarland in flachem oder hügeligem Terrain, meiden aber dichten Wald und Wüsten. Sie ernähren sich sowohl von Gräsern als auch von Ästen und Laub, nehmen saisonal auch in erheblichem Umfang Früchte zu sich. Beim Äsen an Bäumen können sie sich auf die Hinterbeine aufrichten und so Laub bis auf eine Höhe von 2.2 m über dem Boden nutzen. Sie kommen mit einem geringen Gehalt an Protein (ca. 8%) in ihrer Nahrung aus. Sie sind nicht an die Nähe offenen Wassers gebunden, sondern trinken nur alle 2-3 Tage [2; 4; 7].

Nilgaus leben einzeln oder bilden wenig stabile, meist kleine Rudel bestehend aus Kühen und ihrem Nachwuchs oder aus Bullen. Während der Brunft bilden sich Harems [4].

In Indien fällt die Brunft auf die Monate Oktober-Februar und die Setzzeit auf Juni-Oktober. Die Weibchen können ab etwa 14 Monaten erfolgreich gedeckt werden. Die Tragzeit beträgt 8 Monate und 4-15 Tage. Die Kälber wiegen bei der Geburt etwa 4 kg. Sie werden von der Mutter in Deckung abgelegt und während mehrerer Wochen nur zum Säugen aufgesucht. Ihr Geburtsgewicht verdoppelt sich innert 4-5 Wochen. Gesäugt werden sie bis zu einem Alter von 5-6 Monaten [2; 4; 5; 7].

Gefährdung und Schutz

Die Nilgauantilope ist gemäß einer Beurteilung aus dem Jahr 2016 keine gefährdete Tierart (Rote Liste: LEAST CONCERN). In Indien wird der Bestand auf über 100'000 (bis 300'000) Individuen geschätzt. Für Nepal gibt es keine Zahlen, in Pakistan sind die Bestandszahlen tief. In Texas leben auf Jagdfarmen etwa 37'000 Nilgaus. In Indien kommt die Art in 116 Schutzgebieten in 16 Gliedstaaten vor [3; 4].

Der internationale Handel ist nicht durch CITES geregelt. Die Einfuhr aus den Ursprungsländern ist wegen der restriktiven Veterinärbestimmungen der EU so gut wie ausgeschlossen.

Bedeutung für den Menschen

Der Name "Nilgai" kommt aus dem Hindi und bedeutet "blaues Rind". Nachdem Kühe den Hindus heilig sind, wird die Art in Indien selten zur Fleischgewinnung gejagt, war aber früher ein beliebtes Objekt der Sportjagd des indischen Adels, der die Tiere auch oft in Parks hielt. Nilgaus können empfindliche Schäden an landwirtschaftlichen Kulturen anrichten. Nilgauantilopen leben in großer Zahl auf texanischen Jagdfarmen. Eine 1'700 km² große Farm gibt an, dass sie 12'000 Nilgaus hält und verlangt eine Abschussgebühr für den jeweils ersten Bullen von 1'950 USD, Für jeden weiteren 1'100 USD und für eine Kuh 400 USD. Andere Angebote reichen von 2'750-3'500 USD [1; 3; 7; Online-Inserate 2019].

Haltung

Ältere Böcke können mitunter - auch gegenüber den Tierpflegern - recht unverträglich sein. Dass Nilgaus in für das Publikum begehbaren Gehegen gehalten werden, ist daher eher ungewöhnlich. Auf größeren Anlagen ist es aber möglich, Nilgaus gemeinsam mit anderen indischen Huftieren, wie Hirschziegenantilopen, Axishirschen oder Barasinghas und Muntjaks sowie mit Wasser-, Stelz- und Schreitvögeln zu halten [5].

Das von WEIGL angegebene Höchstalter beträgt 21 Jahre und 8 Monate, erreicht von einem im Zoo von Washington D.C. gehaltenen weiblichen Tier [6].

Haltung in europäischen Zoos: 1767 wurde das erste Nilgau-Paar nach England eingeführt. 1860 erhielt Vittorio Emmanuele II., der nachmalige König von Italien, Nilgaus, die sich in seinem Tiergarten so gut vermehrten, dass man 1866 einen Teil der Tiere im Freiland ansiedelte, nicht gerade zu Freude der Bauern, denen sie den Salat und Kohl wegfraßen [1]. Heute wird die Art in gegen 70 Zoos gehalten, von denen sich etwa ein Fünftel im deutschsprachigen Raum befinden. Für Details siehe Zootierliste.

In den Zoos des deutschsprachigen Raums werden Nilgau-Antilopen immer seltener. Die "Zootierliste" führt über 40 Einrichtungen auf, die die Haltung aufgegeben haben. In manchen Zoos wurden sie durch die im Freiland bedrohten Bantengs ersetzt. In anderen werden an Stelle der indischen Antilopen vor allem afrikanische Tiere gehalten.

Mindestanforderungen an Gehege: Nach Säugetiergutachten 2014 des BMEL soll für bis zu 5 Tieren ein Gehege von mindestens 400 m² zur Verfügung stehen, für jedes weitere Tier 30 m² zusätzlich. Stallfläche 5 m²/Tier.

Die Schweizerische Tierschutzverordnung (Stand 2019) schreibt für bis zu 5 Tieren ein Gehege vor, dessen Grundfläche 500 m² misst. Für jedes weitere Tier kommen 80 m² zur Basisflächen dazu. In der Stallung ist für jedes Tier 8 m² anzubieten.

Nach der 2. Tierhaltungsverordnung Österreichs (Stand 2019) sind für 1-5 Tiere 800 m² erforderlich, für jedes weitere 80 m² mehr, ferner eine Stallfläche von 4 m²/Tier. Die Stalltemperatur muss mindestens 10ºC betragen. Die Haltung hat in Gruppen mit einem erwachsenen Männchen, mehreren Weibchen und deren Nachwuchs zu erfolgen.

Taxonomie und Nomenklatur

Die Nilgauantilope wurde 1766 vom Berliner Naturforscher Peter Simon PALLAS, den Katharina die Große als Professor nach Petersburg berufen hatte, als "Antilope tragocamelus" erstmals wissenschaftlich beschrieben. 1816 stellte sie der französische Zoologe Henri Marie Ducrotay de BLAINVILLE in die neue und heute noch gültige monotypische Gattung Boselaphus [7].

Literatur und Internetquellen

  1. BREHM, A. E. (1882-1887)
  2. GRZIMEK, B. (Hrsg. 1970)
  3. IUCN SSC Antelope Specialist Group. (2016). Boselaphus tragocamelus (errata version published in 2017). The IUCN Red List of Threatened Species 2016: e.T2893A115064758. http://www.iucnredlist.org/details/2893/0. Downloaded on 12 June 2018.
  4. JOHNSINGH, A. & MANJREKAR, N. (eds., 2015)
  5. PUSCHMANN, W., ZSCHEILE, D., & ZSCHEILE, K. (2009)
  6. WEIGL, R. (2005)
  7. WILSON, D. E. et al. eds. (2009-)

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Nilgauantilopen (Boselaphus tragocamelus) im Dhangadhra-Schutzgebiet © S. K. Chinmayi, Wikimedia Commons

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© Peter Dollinger, Zoo Office Bern hyperworx