Rinder und Waldböcke

Auerochse

Heckrind-Bulle (Bos primigenius †) im Tierpark Hellabrunn Heckrind-Bulle (Bos primigenius †) im Tierpark Hellabrunn
© Peter Dollinger, Zoo Office Bern

Überordnung: LAURASIATHERIA
Taxon ohne Rang: CETARTIODACTYLA
Ordnung: Paarzeher (ARTIODACTYLA)
Unterordnung: Wiederkäuer (Ruminantia)
Unterfamilie: Echte Rinder (Bovinae)
Tribus: Rinder i. e. S. (Bovini)

D EX 650

Auerochse oder Ur † - Heckrind

Bos (Bos) primigenius† • The Aurochs† • L'aurochs†

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Heckrind-Stier (Bos primigenius†) im Wildpark Alte Fasanerie, Klein-Auheim © Peter Dollinger, Zoo Office Bern

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Das letzte Vorkommen des Auerochsen (Bos primigenius†) im Wald von Jaktorów, Woiwodschaft Masowien

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Das Denkmal für den letzten Auerochsen (Bos primigenius†) im Wald von Jaktorów © Meteor2017 auf Wikimedia Commons. Veröffentlicht unter der Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported license

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Heckrind-Kuh (Bos primigenius†) mit Kalb im Tierpark Hellabrunn © Peter Dollinger, Zoo Office Bern

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Heckrind-Kalb (Bos primigenius†) im Wildpark Alte Fasanerie, Klein-Auheim © Peter Dollinger, Zoo Office Bern

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Heckrind-Stier (Bos primigenius†) im LandPark Lauenbrück © Peter Dollinger, Zoo Office Bern

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Heckrind-Herde (Bos primigenius†) im Wildpark Alte Fasanerie, Klein-Auheim © Peter Dollinger, Zoo Office Bern

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Heckrind-Herde (Bos primigenius†) im Eiszeitlichen Wildgehege Neandertal. © Peter Dollinger, Zoo Office Bern

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Heckrind-Bulle (Bos primigenius†) im Tierpark Hellabrunn © Carsten Zehrer

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Heckrinder-Gruppe (Bos primigenius†) im Wildpark Alte Fasanerie, Klein-Auheim © Peter Dollinger, Zoo Office Bern

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Der Auwerochß oder Uristier in Conrad GESNER's Thierbuch, 1553

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"The Wild Ox, Bos Urus". Abbildung aus HAMILTON-SMITH (1826).

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Der Auerochse - mit Nasenring - im Wappen des Kantons Uri

 

 

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Der Auerochse ist der Urahn des Hausrinds, der vor etwa 8'000 Jahren in den Haustierstand überführt wurde. In Zoos werden "rückgezüchtete" Auerochsen gezeigt - effektiv auerochsenähnliche Hausrinder, die sogenannten "Heckrinder", die ursprünglich zur Zeit des Dritten Reiches mit germanisch-völkischem Gedankengut als Hintergrund geschaffen wurden, heute aber ideologiefrei zoopädagogischen Zwecken dienen.

Körperbau und Körperfunktionen

Der Auerochse war ein mächtiges Wildrind, dessen Bullen eine Kopf-Rumpflänge bis zu 310 cm eine Schulterhöhe von 175-185 cm und ein Gewicht von 800-1'000 kg aufwiesen und bis zu 80 cm lange Hörner hatten. Die Kühe waren um etwa ein Viertel kleiner und leichter und auch ihre Hörner waren kürzer. Das Fell war im Sommer kurz und glatt, im Winter dicht, fast lockig. Die Farbe der europäischen Population war bei den Bullen schwarzbraun mit hellem Aalstrich, weißem Ring um Kinn und Muffel sowie hellen Krauslocken auf der Stirn. Die Kühe waren braun, im Winterkleid dunkler, die Kälber rotbraun. Die beste bildliche Wiedergabe ist das aus der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts stammende berühmte „Augsburger Urbild“, das von dem englischen Zoologen HAMILTON-SMITH bei einem Augsburger Antiquar „entdeckt“ wurde; das Original ist seitdem wieder verschollen [4; 6].

Ehemalige Verbreitung

Paläarktis und Indien: Der Auerochs hatte eine sehr weite Verbreitung, in den Laubwäldern und Grasländern Eurasien von Großbritannien und Südschweden bis Korea, auf dem Indischen Subkontinent und in Afrika nördlich der Sahara [10].

Lebensraum und Lebensweise

Vermutlich bevorzugte der Auerochse feuchtere Lebensräume als der Wisent, wie Sümpfe, Sumpfwälder, Flusstäler- und -deltas, kam aber wohl auch in trockeneren Wäldern und Parklandschaften vor, sodass sich die Verbreitung der beiden Arten überlappte. Man nimmt an, dass er in kleinen Herden lebte, bestehend aus einem Bullen und mehreren Kühen mit deren Nachwuchs. Brunftzeit war im August und September, nach einer Tragzeit von ca. 9 Monaten wurde im Mai oder Juni die Kälber geboren [4; 10].

Aussterben und "Rückzüchtung"

Aussterben: Fragmentierung der Lebensräume, Bejagung und Konkurrenz durch domestizierte Rinder führten zum Aussterben des Auerochsen überall, wo die menschliche Bevölkerung eine gewisse Dichte erreichte. Auf dem indischen Subkontinent starb der Auerochse bereits vor mehreren Tausend Jahren aus, im Mittelmeerraum in der Antike. Am längsten hielt er sich in den dünn besiedelten Gegenden Germaniens, Ost- und Nordeuropas. GAIUS IULIUS CAESAR führt den Auerochsen als Bestandteil der Fauna des "Hercynischen Waldes", also der Region von den Alpen bis zum Harz, auf: "Tertium est genus eorum, qui uri appellantur. Hi sunt magnitudine paulo infra elephantos, specie et colore et figura tauri " (De Bello Gallico 6,28,1). Wohl zwischen 1231 und 1243 erkoren die Landleute von Uri den Auerochsen zu ihrem Wappentier. Zu Beginn der Neuzeit war er aber aus Süddeutschland bereits verschwunden, denn der Zürcher Gelehrte Conrad GESNER (1516-1565) kannte ihn nicht mehr aus eigener Anschauung. Die Abbildung in Gesner's Thierbuch ist aus den kurz zuvor (1549) erschienenen Rerum Moscoviticarum Commentarii des Freiherrn Siegmund von HERBERSTAIN abgekupfert [4; 6; 9; 10].

Seine letzten Rückzugsgebiete fand der Auerochse in Ostpreußen, Polen und Litauen. Die allerletzte Herde lebte im Wald von Jaktorów im Herzogtum Masowien bei Warschau. Obwohl unter dem Schutz des Landesherrn, nahm ihr Bestand laufend ab, und 1627 starb die letzte Kuh. Damit war der Auerochse ausgestorben [4; 10].

"Rückzüchtung": Lutz und Heinz HECK, die ehemaligen Direktoren des Berliner Zoos und des Tierparks Hellabrunn stellten sich jedoch auf den Standpunkt, der Ur sei nicht ausgestorben, da sein Erbgut im Hausrind weiterlebe. Durch Kreuzung geeigneter Rassen und strikte Selektion der Nachkommen müsse es möglich sein, die ursprüngliche Wildform zurück zu züchten. Damit stellten sie sich in Gegensatz zu namhaften Zoologen und insbesondere zu ihren Kollegen aus dem Internationalen Zoodirektorenverband. Das focht die Gebrüder Heck aber nicht an, unverdrossen machten sie sich ans Werk und begannen in Berlin und München mit unterschiedlichen Hausrindrassen ihren Rückzüchtungsversuch. Tatsächlich gelang es ihnen, aus spanischen und französischen Kampfrindern, ungarischen Steppen- und schottischen Hochlandrindern ein Rind herauszuzüchten, das verschiedene typische Merkmale in sich vereinigte, das allerdings die Körpergröße des ursprünglichen Auerochsen nicht erreichte. Da die "Rückzüchtung" des Auerochsen im Dienst der nationalsozialistischen Ideologie erfolgt war, distanzierten sich der Internationale Zoodirektorenverband und der Verband Deutscher Zoodirektoren im Jahr 1951 explizit davon. Heute besteht Einigkeit, dass die "Heckrinder" keine Auerochsen sind, sondern eine neue Haustierform, die einen gewissen Eindruck von der Gestalt des Wildrindes geben. Ab 1996 wurde versucht, das Heckrind durch die Einkreuzung weiterer Rassen (Chianina, Lidia, Sayaguesa) der Vorstellung des Auerochsen noch ähnlicher zu machen. Diese Weiterzüchtung wurde "Taurusrind" genannt. Mittlerweile gibt es fließende Übergänge zwischen Taurus- und Heckrind [2; 4; 5; 6; 8].

Haltung

Die Haltung von Heckrindern soll illustrieren, wie der Auerochse, ein ehemals wichtiges Element der europäischen Fauna ausgesehen hat. Im zoopädagogischen Unterricht können sie herangezogn werden, um Fragen der Ausrottung von Tierarten, der Domestikation, der Genetik und der Reservatspflege zu erörtern. Es gibt einen Verein zur Förderung der Auerochsenzucht (VFA) e.V., der ein internationales Zuchtbuch führt. Dieses existiert seit 1980 und wurde ursprünglich vom Tierpark Berlin herausgegeben. In seiner ersten Auflage umfasste es 88 Tiere in 17 Haltungen in 4 Ländern [13].

Haltung in europäischen Zoos: Heckrinder sind in Wildparks sehr beliebt und werden europaweit in über 50 Parks gezeigt, von denen sich zwei Drittel im deutschsprachigen Raum befinden. Für Details siehe Zootierliste. Ferner werden sie zur extensiven Grünlandnutzung oder zur Landschaftspflege in Naturschutzgebieten eingesetzt, so z.B. im Unteren Odertal [11], in der Lippeaue und im Naturschutzgebiet Stilleking bei Lüdenscheid [8] oder im Pentezug-Wildpferdreservat des Hortobagy-Nationalparks [12].

Mindestanforderungen an Gehege: Das Säugetiergutachten 2014 ist auf Heckrinder nicht anwendbar. In der Schweiz und in Österreich gelten theoretisch die Anforderungen für Hausrinder. Hilfreicher sind die Merkblätter der Tierärztliche Vereinigung für Tierschutz e.V. über Ganzjährige Freilandhaltung von Rindern (Merkblatt Nr. 85) und Kugelschuss auf der Weide als Betäubungs- / Tötungsverfahren zur Schlachtung von Rindern (Merkblatt Nr. 136).

Taxonomie und Nomenklatur

Der Auerochse ist die Wildform des Hausrinds und gehört somit derselben Art an, die von Carl von LINNÉ 1758 als Bos taurus bezeichnet wurde. 1827 führte der aus dem Elsass stammende Zoologe Ludwig Heinrich von BOJANUS für die Wildform den Namen Bos primigenius ein. 1958 wurde vorgeschlagen, dass grundsätzlich der Name der Wildform Vorrang vor dem Namen der Haustierform haben soll, was, wie im vorliegenden Fall, der Prioritätsregel widerspricht, wenn das Haustier vor dem Wildtier beschrieben wurde. 2003 legte die Internationale Nomenklaturkommission Bos primigenius als offiziellen Namen fest [1; 3; 10].

Es wird davon ausgegangen, dass es drei Unterarten gab:

  • Bos p. primigenius BOJANUS, 1827 in Eurasien
  • Bos p. mauretanicus (THOMAS, 1881) in Nordafrika
  • Bos p. namadicus (FALCONER, 1859) in Indien

Literatur und Internetquellen

  1. BOHLKEN, H. (1958)
  2. DOLLINGER, P. (Red. 2012)
  3. GROVES, C.P. & GRUBB, P. (2011)
  4. GRZIMEK, B. (Hrsg. 1970)
  5. HECK, L. (1952)
  6. HEDIGER, H. (1931)
  7. IULIUS CAESAR, C. (1944)
  8. NRW-STIFTUNG
  9. SCHMIDT, P. (1976)
  10. TIKHONOV, A. (2008). Bos primigenius. The IUCN Red List of Threatened Species 2008: e.T136721A4332142. http://www.iucnredlist.org/details/136721/0. Downloaded on 12 June 2018.
  11. VÖSSING, A. & BERG, T. (2010)
  12. ZIMMERMANN, W. (2005)
  13. ZUCHTBUCH (1980)

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