Neuweltgeier

Kondor

0.1 Kondor (Vultur gryphus) im Tiergarten Nürnberg 0.1 Kondor (Vultur gryphus) im Tiergarten Nürnberg
© Tiergarten Nürnberg

Ordnung: Taggreife(Falconiformes)
Unterordnung: Neuweltgeier (Cathartae)
Familie: Neuweltgeier (Cathartidae)

D NT 650

Kondor, Andenkondor

Vultur gryphus • The Andean Condor • Le condor des Andes

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Kondorhahn (Vultur gryphus) im Zoo Las Leyendas, Lima © Peter Dollinger, Zoo Office Bern

 

 

 

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Approximative Verbreitung des Andenkondors (Vultur gryphus)

 

 

 

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Kondor-Hahn (Vultur gryphus) im Zoo Berlin © Klaus Rudloff, Berlin

 

 

 

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Kondor-Henne (Vultur gryphus) im Zoo Berlin © Klaus Rudloff, Berlin

 

 

 

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Kondor-Hahn (Vultur gryphus) im Tiergarten Nürnberg © Tiergarten Nürnberg

 

 

 

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Junger Kondor (Vultur gryphus) im Tiergarten Nürnberg © Tiergarten Nürnberg

 

 

 

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Kondorhahn (Vultur gryphus) im Jardín zoológico Quilpué, Chile © Peter Dollinger, Zoo Office Bern

 

 

 

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Kondorhahn (Vultur gryphus) im Zoo des Minières, Doué-la-Fontaine © Peter Dollinger, Zoo Office Bern

 

 

 

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"Kondor (Sarcorhamphus gryphus)", Illustration aus BREHMF THIERLEBEN (1882-1887). Gemeinfrei.

 

 

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Der Andenkondor ist nächst seinem Kalifornischen Verwandten der größte Geier. Nicht zuletzt wegen seiner großen kulturellen Bedeutung - dem auf traditioneller Volksmusik basierenden, 1913 komponierten Musikstück "El Cóndor Pasa" kann man bekanntlich kaum ausweichen - ist er von zoopädagogischem Interesse und wird in europäischen Zoos in mittlerer Häufigkeit gezeigt

Körperbau und Körperfunktionen

Mit einer Gesamtlänge von 100-130 cm und einer Flügelspannweite von 290-320 cm ist der Andenkondor der größte aller Geier. Sein Gefieder ist überwiegend schwarz, die Halskrause und die Flügeldecken sind grauweiß, Kopf und Hals gelblich bis rötlich grau. Als einziger Neuweltgeier zeigt er einen ausgeprägten Geschlechtsdimorphismus, indem nur die Hähne einen großen, fleischigen Stirnkamm haben und ihre Halsklunkern deutlich größer sind als bei den Hennen. Hähne werden 11-15 kg schwer, Hennen nur 8-11 kg [4; 6; 7].

Verbreitung

Anden Südamerikas: Argentinien, Bolivien, Chile, Kolumbien, Peru, Venezuela. Irrgäste auch in Paraguay und Brasilien [1].

Lebensraum und Lebensweise

Der Kondor steigt in den Anden bis auf eine Höhe von 5'000 m. Er hält sich aber auch an der Küste auf, wo er sich von toten Fischen, Walen und Seelöwen ernährt. Das Gelege besteht aus nur einem Ei, das während 55-60 Tagen ausgebrütet wird. Kondore werden mit frühestens 6 Jahren geschlechtsreif [6].

Gefährdung und Schutz

Mit einem geschätzten Bestand von 6'700 erwachsenen Vögeln gilt der Kondor seit 2004 als potenziell gefährdet. In einzelnen Ländern seines Verbreitungsgebiet ist er gefährdet oder selten, in Argentinien ist er noch relativ häufig (Rote Liste: NEAR THREATENED) [1].

Der internationale Handel wird durch CITES-Anhang I eingeschränkt. Die Art fällt unter Anhang II der Bonner Konvention über wandernde Tierarten.

Zoogestützte Artenschutzprojekte: In mehreren südamerikanischen Ländern sind Wiederansiedlungsprogramme unter Verwendung von Nachzuchtvögeln aus Zoos am Laufen. Im Süden des Kontinents gibt es ein binationales Projekt, an dem sich der Zoo von Santiago de Chile und die Zoos Buenos Aires, Temaikén, La Plata, San Rafael und La Máxima in Argentinien beteiligen.

Bedeutung für den Menschen

Andenkondore werden laut IUCN für den internationalen Tierhandel gefangen [1] allerdings wurden von 2001-2018 lediglich 6 Wildfänge von Chile an einen kolumbianischen Zoo geliefert. Im selben Zeitraum wurden weltweit 66 Nachzuchtvögel bei der Ausfuhr registriert. Wichtigste Herkunftsländer waren die USA und Peru [3].

Kondore spielten eine bedeutende kulturelle Rolle im präkolumbianischen Amerika und sind heute Schildhalter der Wappen von Bolivien, Chile, Ekuador und Kolumbien [4].

Über eine weniger schöne Seite der Mensch-Kondor-Beziehung berichtet BREHM [2]: "Die Indianer fangen viele Kondore, weil es ihnen Vergnügen gewährt, sie zu peinigen. Man füllt den Leib eines Aases mit betäubenden Kräutern an, welche den Kondor nach dem Genusse des Fleisches wie betrunken umhertaumeln machen, legt in den Ebenen Fleisch inmitten eines Geheges nieder, wartet, bis er sich vollgefressen hat, sprengt, so schnell die Pferde laufen wollen, herbei und schleudert die Wurfkugeln unter die schmausende Gesellschaft" oder fängt sie lebend und trägt "sie ins Dorf, woselbst sie für Stierhetzen aufgespart werden. Eine Woche vor Beginn dieses grausamen Vergnügens erhalten die Kondoren nichts zu fressen. Am bestimmten Tage wird je ein Kondor einem Stier auf den Rücken gebunden, nachdem dieser mit Lanzen blutig gestochen worden. Der hungrige Vogel zerfleischt nun mit seinem Schnabel das gequälte Thier, welches zur großen Freude der Indianer wüthend auf dem Kampfplatze herumtobt."

Die wissenschaftliche Artbezeichnung nimmt Bezug auf den Vogel Greif, altgriechisch "γρύψ", lateinisch "gryps" oder "gryphus", ein Fabelwesen der Antike mit Löwen- oder Pferdeleib, Flügeln  und Adlerkopf, das heute noch im Brauchtum der Stadt Basel als Schildhalter der seit mindestens 1409 bestehenden Gesellschaft zum Greifen, einer der drei Kleinbasler Ehrengesellschaften, eine Rolle spielt. Das dazu gehörende Volksfest, "dr Vogel Gryff" wird jährlich im Januar gefeiert [8].

Haltung im Zoo

In größeren Volieren ist eine Vergesellschaftung mit anderen Neuweltgeiern oder sonstigen, nicht-aggressiven Greifvögeln, aber auch mit anderen Vögeln wie Maguaristörchen, Enten oder Hokkos möglich. Für die Zucht ist ein Abtrennen der Paare von Vorteil, da diese sehr störanfällig sind. Als Höchstalter werden über 67 Jahre und 4 Monate angegeben [6].

Haltung in europäischen Zoos: Die Art wird in etwa 60 Zoos gehalten, von denen sich über ein Viertel im deutschsprachigen Raum befinden. Für Details siehe Zootierliste.

Einer der erfolgreichsten Kondorzüchter in Europa ist der Tiergarten Nürnberg. Das alte Zuchtpaar des Tiergartens hatte bereits 1984 seinen ersten Nachwuchs erfolgreich aufgezogen. In den Folgejahren stritten sich die beiden allerdings derart um das Brutgeschäft, dass die Eier aus Sicherheitsgründen zur Bebrütung und Aufzucht in die Obhut der Tierpfleger übergeben wurden, die dann auch die Jungen aufzogen. Die Nachzucht aus dem Jahr 1989, ein Weibchen, verblieb im Tiergarten und wurde 1992 mit einem 1986 im Zoo Berlin ebenfalls von Hand aufgezogenen Männchen verpaart. Bei diesem Paar schlüpfte dieses Jahr am 23. Mai 2009 der erste Nachwuchs.

Bemerkenswert ist, dass die beiden handaufgezogenen Eltern ihr Küken perfekt betreuen. Hier zeigt es sich, dass eine behutsame Handaufzucht nicht zu Verhaltensdefiziten führen muss. Das 20-jährige Weibchen wurde übrigens schon damals mit einem Spiegel am Nest aufgezogen, damit es immer einen "Artgenossen" bei sich hat und nicht auf Menschen geprägt wird (PM Tiergarten Nürnberg).

Mindestanforderungen an Gehege: 1995 veröffentlichte das Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten (BMELF) Mindestanforderungen an die Haltung von Greifvögeln und Eulen. Diese werden gegenwärtig (November 2019) überarbeitet und sollen als Leitlinien zur Haltung von Greifvögeln (Accipitriformes, Falconiformes) und Eulen (Strigiformes) neu herausgegeben werden.

Die Schweizerische Tierschutzverordnung (Stand 2019) schreibt für 1-2 große Geier eine Voliere mit einer Grundfläche von 60 m² und einem Volumen von 240 m³ vor. Für jeden weiteren adulten Vogel ist die Grundfläche um 15 m² zu vergrößern. Die Vorgängerverordnung sah halb so große Dimensionen vor. Die Erhöhung erfolgte ohne Angabe von Gründen. Für Schauflüge eingesetzte Vögel dürfen nur im nicht öffentlich zugänglichen Bereich der Tierhaltung an der Fessel gehalten werden.

Nach der 2. Tierhaltungsverordnung Österreichs (Stand 2019) ist für die Haltung von 1-2 Kondoren eine Voliere mit einer Grundfläche von 60 m² bei 3 m Höhe erforderlich. Für jedes weitere Adulttier ist die Fläche um 15 m² zu erweitern. Für die falknerische Haltung gelten besondere Anforderungen.

Taxonomie und Nomenklatur

Der Andenkondor wurde 1758 von Carl von LINNÉ unter seinem heute noch gültigen Namen erstmals wissenschaftlich beschrieben. Er bildet eine monotypische Gattung (Der Kalifornische Kondor gehört zur Gattung Gymnogyps) und die Art hat keine Unterarten [4].

Literatur und Internetquellen

  1. BIRDLIFE INTERNATIONAL (2017). Vultur gryphus. The IUCN Red List of Threatened Species 2017: e.T22697641A117360971. http://dx.doi.org/10.2305/IUCN.UK.2017-3.RLTS.T22697641A117360971.en . Downloaded on 20 October 2019.
  2. BREHM, A. E. (1882-1887)
  3. CITES TRADE DATA BASE
  4. DEL HOYO, J., ELLIOTT, A.. & SARGATAL, J., eds. (1999)
  5. GLOBAL RAPTOR INFORMATION NETWORK
  6. GRUMMT, W. & STREHLOW, H. (2009)
  7. GRZIMEK, B. (Hrsg. 1970)
  8. VOGEL GRYFF

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Gelesen 1167 mal Letzte Änderung am Dienstag, 22 Oktober 2019 16:10
© Peter Dollinger, Zoo Office Bern hyperworx