Wale und Robben

Seehund

Seehund (Phoca vitulina) mit Jungem im Tierpark Bochum Seehund (Phoca vitulina) mit Jungem im Tierpark Bochum
Pressefoto TP Bochum

Überordnung: LAURASIATHERIA
Ordnung: Raubtiere (CARNIVORA)
Unterordnung: Hundeartige (Caniformia) bzw. Robben (Pinnipedia)
Familie: Hundsrobben (Phocidae)

Red list status Least concern

Seehund

Phoca vitulina • The Harbour Seal • Le phoque veau-marin

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Seehund (Phoca vitulina) im Parc animalier et botanique de Branféré, Le Guerno © Peter Dollinger, Zoo Office Bern

 

 

 

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Approximative Verbreitung des Seehunds (Phoca vitulina

 

 

 

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Seehund (Phoca vitulina) Junger Seehund im Tierpark Nordhorn © Stephan Konjer, Tierpark Nodhorn

 

 

 

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Seehund (Phoca vitulina) in der Seehundstation Friedrichskoog © Peter Dollinger, Zoo Office Bern

 

 

 

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Seehund (Phoca vitulina) mit Jungem im Tierpark Bochum © TP Bochum (Pressefoto)

 

 

 

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Seehund (Phoca vitulina), Albino im Tierpark Bern © Peter Dollinger, Zoo Office Bern

 

 

 

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Seehundbecken im Zoo am Meer © Peter Dollinger, Zoo Office Bern

 

 

 

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Seehund (Phoca vitulina)in der Seehundstation Friedrichskoog © Peter Dollinger, Zoo Office Bern

 

 

 

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Seehunde (Phoca vitulina) im Zoo Saarbrücken © Klaus Rudloff, Berlin

 

 

 

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Forschung zum Hörvermögen am Seehund (Phoca vitulina) im Tierpark Nordhorn © Franz Frieling, TP Nordhorn

 

 

 

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Seehund-Training mit Target und Pfeife im Zoo Zürich © Zoo Zürich (Pressefoto)

 

 

 

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Dank dem täglichen Training sind tierärztliche Untersuchungen im Zoo Zürich kein Problem © Zoo Zürich (Pressefoto)

 

 

 

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Seehunde (Phoca vitulina) im Tierpark Bochum © Tierpark Bochum

 

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Die Haltung des Seehunds als typischem Vertreter der Hundsrobben und Element der europäischen Meeresfauna ist von zoopädagogischem Interesse. Verwaiste Seehunde, sogenannte Heuler, verbleiben gelegentlich aus Tierschutzgünden im Zoo. Dementsprechend hoch ist die Zahl der Einrichtungen, in denen die Art zu sehen ist.

Körperbau und Körperfunktionen

Bei den Seehunden besteht ein Sexualdimorphismus: Rüden erreichen eine Kopf-RumpfLänge von 130-186(-200) cm und ein Gewicht von 60-150(-200) kg, Fähen werden 120-170 cm lang und 80-120 (45-1420) kg schwer. Jungtiere messen bei der Geburt 75-100 cm und sind 8-12 kg schwer. Der Kopf ist rundlich mit kurzer Schnauze. Das Fell ist silbriggrau bis graubraun mit sehr variabler schwarzer Fleckenzeichung. Die Jungtiere wechseln die weiße Lanugo bereits vor der Geburt und kommen mit einem braunen Fell zur Welt [1; 9].

Verbreitung

Nordatlantik und Nordpazifik: Küstennahe Gebiete, in Europa von Nowaja Semlja bis zur Bretagne, einschließlich Wattenmeer sowie der westlichen Ostsee bis nach Öland und Rügen. Gelegentlich auch im Unterlauf von Elbe, Weser und Rhein sowie im Elbe-Lübeck-Kanal [3].

Lebensraum und Lebensweise

Seehunde leben in Verbänden, die bisweilen Tausende von Tieren umfassen können. Sie sind perfekt an das Leben im Meer angepasst. Sie leben in eisfreien Küstengewässern, so an der Nord- und Ostseeküste, besonders im Wattenmeer und ruhen auf Sandbänken oder Schären. Sie erreichen beim Schwimmen Geschwindigkeiten bis zu 35 km/Stunde. Während sie an Land kurzsichtig sind, können sie im Wasser gut sehen, und die Tasthaare an der Schnauze helfen beim "Fischen im Trüben". Sie können 20 Minuten lang tauchen, in Notsituationen auch bis zu 40 Minuten. Sie ernähren sich vor allem von Küstenfischen, bevorzugt Plattfischen, wie Flunder (Platichthy flesus), Scholle (Pleuronectes platessa) und Kliesche (Limanda limanda), sowie Sandgrundeln (Pomatoschistus minutus), aber auch von anderen Fischen, wie Wittling (Merlangius merlangus), Hering (Clupea harengus), Dorsch (Gadus morhua), Zander (Sander lucioperca) und Stint (Osmerus eperlanus) sowie von Krebsen und Weichtieren [1; 6; 9].

Im Sommer sonnen sich die Seehunde gern auf Sandbänken, wo sie im Juni oder Juli auch ihre Jungen zur Welt bringen. Die Seehundmutter kann nach elf Monaten Tragzeit die Geburt hinauszögern, bis die Ebbe eingetreten ist. In der Regel wird ein ca. 80 - 90 cm großes Junges geboren, welches weit entwickelt ist und schon kurz nach der Geburt schwimmen kann. Die Jungen werden 3-4 Wochen gesäugt und dann sich selbst überlassen. 1-2 Tage danach werden die Weibchen wieder gedeckt [1; 6; 9].

Gefährdung und Schutz

Der Seehund hat eine außerordentlich weite Verbreitung. Er ist häufig und gilt nach einer Beurteilung aus dem Jahr 2016 als weltweit nicht gefährdet (Rote Liste: LEAST CONCERN) [3].

Der internationale Handel ist nicht unter CITES geregelt. Die Art fällt unter die Anhänge II und V der FFH-Richtlinie (92/43/EWG).

Situation in europäischen Küstengewässern: Im Wattenmeer Dänemarks, Deutschlands und der Niederlande ergab eine Zählung im Jahr 2006 insgesamt 15'426 Seehunde. Dies sind 8 % mehr als im Jahr zuvor. Diese Zahl schließt gut 4'500 Jungtiere ein. Im Niedersächsischen Wattenmeer allein nahm der Bestand von 1975 auf 2014 von 1'014 auf 9'343 Tiere zu, und dies trotz massiver Verluste während der Staupeepidemien von 1988 und 2002 (Seehundstation Norddeich). Es fallen immer wieder verwaiste Jungtiere an, sogenannte Heuler, die nach Möglichhkeit rehabilitiert werden, zum Teil aber auch von Zoos übernommen werden.

Bedeutung für den Menschen

Wirtschaftliche Bedeutung, Jagd: Bis in die 1930er Jahre war die Seehundjagd in Deutschland Gewohnheitsrecht der Küstenbewohner. Erst 1934 wurde sie im Rahmen des Reichsjagdgesetzes formell geregelt. Es wurden Schonzeiten festgelegt, erste Seehundschutzgebiete ausgewiesen und die Netz- und Hetzjagd verboten. Ab 1951 wurde die Seehundjagd durch amtlich bestellte einheimische Seehundjäger ausgeübt- Auswärtige durften nur mit Ausnahmegenehmigung und in Begleitung Seehunde jagen. 1973 wurde die Seehundjagd in Niedersachsen, 1974 in Schleswig Holstein eingestellt [6].

Haltung

Im Zoo besteht die Gefahr, dass Seehunde - wie auch andere Robben - vom Publikum ins Wasser geworfene Gegenstände, etwa Münzen, spielerisch im Tauchgang aufschnappen und abschlucken, was zu ihrem Tod führen kann. So geschehen z.B. vor einigen Jahrzehnten im Zoo Dortmund. Dies war aber beileibe kein Einzelfall: Im Essener Grugapark wurden seit Beginn der Robbenhaltung im Jahr 1961 bis 1983 acht Seehunde vom Publikum zu Tode "gefüttert". Im Magen eines der Tiere fand man 137 Geldmünzen, nebst einem Plüsch-Teddybären, einem Handschuh, Kronenkorken, Plastiktüten, Ohrclips und diversen anderen Fremdkörpern (DIE ZEIT, 27.05.1983 Nr. 22).       
Ansonsten können die Seehunde im Zoo ein langes Leben erreichen. Den publizierten Altersrekord hält ein weibliches Tier, das als Heuler in den Zoo Berlin gelangte und dort im Alter von 47 Jahren und 7 Monaten starb [8].

Haltung in europäischen Zoos: Die Art wird in rund 100 Zoos gehalten, von denen sich etwa ein Viertel im deutschsprachigen Raum befinden. Für Details siehe Zootierliste.

Forschung im Zoo: Seehunde sind gelegentlich Gegenstand von Forschungsarbeiten im Zoo. Im Rahmen einer Dissertation wurden Maßnahmen zur Optimierung des Gesundheitsmanagements vorgeschlagen [4] und eine weitere Arbeit befasste sich mit Lungenwurminfektionen und serologischen Nachweismöglichkeiten [7]. Im Tiergarten Nürnberg wurden die Sozialbeziehungen von Seehunden und Kalifornischen Seelöwen in Gemeinschaftshaltung untersucht [2]. Vor dem Hintergrund der zunehmenden Lärmimmissionen im Meer beteiligte sich der Tierpark Nordhorn an einer Studie zum Hörvermögen von Seehunden (PM Tierpark Nordhorn vom 18.08.2014).

Das Säugetiergutachten 2014 des BMEL macht die Vorgabe, dass bei Hundsrobben für  jedes Tier ein räumlich gesonderter Liegeplatz von 2 – 6 m² vorzusehen ist. Falls dies nicht möglich ist, muss für bis zu 5 Tiere ein Landteil mit Sichtschutzbereichen von mindestens 100 m² vorhanden sein. Für weitere Tiere sind möglichst räumlich gesonderte Liegeplätze anzulegen. Wie sinnvoll diese Anforderung ist, zeigt die untenstehende Freilandaufnahme.

Die Vorgabe, dass ein System von mehr als zwei Becken erforderlich sei, ist nicht zu begründen. Seehunde leben in Kolonien und bedürfen im Prinzip keiner Separierungen. Dagegen ist ein kleines separates Becken oder ein vom Becken abtrennbares Abteil namentlich in Zusammenhang mit der Aufzucht von Jungtieren oder aus veterinärmedizinischen Gründen angezeigt.

Das Säugetiergutachten besagt ferner, dass die Fläche des Hauptbeckens für 5 Seehunde 200 m² groß und die Mindestwassertiefe im Hauptteil des Beckens auf die Körpergröße der Tiere abgestimmt sein muss, so dass diese im Großteil des Beckens vertikal frei im Wasser treiben können. Dies wird  mit dem Schlafverhalten begründet. Im Klartext bedeutet dies, dass ein Seehundbecken mindestens 2 m tief sein muss. Mit der Begründung des vertikalen Schlafens wurde auch in der Schweiz die Mindesttiefe des Beckens von 1.5 auf 2 m erhöht. Diese Begründung ist aber nicht stichhaltig: Wenn Seehunde richtig fest schlafen, geschieht dieses indem sie an der Oberfläche einschlafen und dann auf den Grund absinken. Dort bleiben sie bis zu 20 Minuten liegen und tauchen dann „automatisch“ wieder auf, um mehrmals Luft zu holen und dann wieder abzusinken. Bei einer zweiten Version treiben die Tiere schräg im Wasser und schließlich gibt es auch Schlafphasen an Land. Eine Umfrage bei VdZ-Mitgliedzoos und der Seehundstation Friedrichskoog ergab, dass Seehunde an Land, im Flachwasser (so dass der Körper zur Hälfte außerhalb des Wassers liegt) oder abgesunken auf dem Beckenboden liegend schlafen, „vertikales“ Schlafen wurde selten oder nie beobachtet, wegen des Auftriebs ist dieses ohnehin nicht vertikal, sondern der Winkel zwischen Wasseroberfläche und Körperachse beträgt knapp 35°.

Für die im Gutachten festgelegten Zahlenwerte gibt es weder eine wissenschaftliche Grundlage noch lassen sie sich mit tierhalterischer Erfahrung begründen. Im Gutachten 96 wurden für 4 Seehunde eine Fläche von 60 m² und eine mittlere Tiefe von 1 m vorgegeben. In der damals geltendenden Schweizerischen Tierschutzverordnung für 5 Seehunde eine Fläche von 80 m² und eine mittlere Tiefe von 1.5 m. Der Entwurf der Best Practice Guidelines der EAZA gibt für vier Seehunde  und ein Becken von 60 m² bei einer mittleren Wassertiefe von etwa 1 m vor. Dies entspricht dem Gutachten’96. Bestehenden Anlagen, die die Vorgaben des Gutachtens 96 erfüllen, sollten daher ohne Auflagen akzeptiert werden.

Die Schweizerische Tierschutzverordnung (Stand 2018) schreibt für bis zu 5 Tieren ein Becken mit einer Mindestfläche von 80 m² und einer Tiefe von 2 m vor. Für jedes weitere Tier ist die Fläche um 10 m² zu erhöhen. Ferner ist ein Landteil von 10 m² pro Robbe erforderlich. Die 2. Tierhaltungsverordnung Österreichs (Stand 2018) verlangt für bis zu 5 Tieren ein Becken mit einer Mindestfläche von 200 m² und einer Tiefe von 1.5 m, für jedes weitere Tier ist die Fläche um 20 m zu erhöhen. Es ist ein Landteil erforderlich, der es allen Robben erlaubt, sich gleichzeitig am Land aufzuhalten, ferner müssen Absperrboxen vorhanden sein, deren Maße sich nach der Körpergröße der Art richtet.

Taxonomie und Nomenklatur

Der Seehund wurde 1758 von Carl von LINNÉ unter seinem heute noch gültigen Namen beschrieben. Es werden 5 Unterarten anerkannt. In europäischen Küstengewässern kommt die Nominatform vor, die als einzige in europäischen Zoos gehalten wird [3; 9; 10].

Literatur und Internetquellen

  1. GRIMMBERGER & RUDLOFF (2009)
  2. KURZ, J. (2006)
  3. LOWRY, L. (2016). Phoca vitulina. The IUCN Red List of Threatened Species 2016: e.T17013A45229114. http://www.iucnredlist.org/details/17013/0. Downloaded on 23 May 2018.
  4. MARKOWSKI, S. (2013)
  5. MEIJER, G. & JOUSTRA, T. (2009)
  6. SEEHUNDSTATION FRIEDRICHSKOOG - FALTBLATT UND POSTER
  7. ULRICH, S.A., (2015)
  8. WEIGL, R. (2005)
  9. WILSON, D. E. et al. eds. (2009-)
  10. WILSON, D. E. & REEDER, D. M. (2005)

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Seehunde im natürlichen Lebensraum. Mitlenatch Island, Kanada © Peter Dollinger, Zoo Office Bern

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© Peter Dollinger, Zoo Office Bern hyperworx