Hunde

Marderhund

Marderhund (Nyctereutes procyonoides im Tierpark Aachen Marderhund (Nyctereutes procyonoides im Tierpark Aachen
© Lutz Kupferschläger, Aachen

Überordnung: LAURASIATHERIA
Ordnung: Raubtiere (CARNIVORA)
Taxon ohne Rang: Landraubtiere (FISSIPEDIA)
Unterordnung: Hundeartige (Caniformia)
Familie: Hunde (Canidae)

D LC 650

Invasive EU

  Marderhund

Nyctereutes procyonoides • The Raccoon-Dog • Le chien viverrin

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Marderhund (Nyctereutes procyonoides) im Tierpark Aachen © Lutz Kupferschläger, Aachen

 

 

 

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Approximative Verbreitung des Marderhunds (Nyctereutes procyonoides), dunkelgrün: N. p. viverrinus; dunkelblau: N. p. ussuriensis; rot: eingeführte Populationen der westlichen Paläarktis

 

 

 

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Marderhund (Nyctereutes procyonoides) im Zoo de Servion © Peter Dollinger, Zoo Office Bern

 

 

 

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Marderhunde (Nyctereutes procyonoides) ehemals im NTP Goldau © Peter Dollinger, Zoo Office Bern

 

 

 

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Marderhund (Nyctereutes procyonoides) im Zoo de Servion © Peter Dollinger, Zoo Office Bern

 

 

 

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Marderhund (Nyctereutes procyonoides) ehemals im Zoo Basel © Peter Dollinger, Zoo Office Bern

 

 

 

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Marderhund (Nyctereutes procyonoides) im ZooParc de Trégomeur © Peter Dollinger, Zoo Office Bern

 

 

 

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Marderhund (Nyctereutes procyonoides), ehemals im Parc zoologique de La Chaux-de-Fonds © Peter Dollinger, Zoo Office Bern

 

 

 

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Marderhund (Nyctereutes procyonoides) im ZooParc de Trégomeur © Peter Dollinger, Zoo Office Bern

 

 

 

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Marderhund (Nyctereutes procyonoides ussuriensis) im Wildpark Bad Mergentheim © Klaus Rudloff, Berlin

 

 

 

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Tanuki mit Teekessel. Schule des Katsushika Hokusai, um 1840s, Tinte auf Papier. Public Domain.

 

 

 

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Als in Europa weit verbreitete, eingeführte und invasive Art ist der Marderhund von großem zoopädagogischem Interesse. Leider hat die EU nicht erkannt, welche Rolle Zoos bei der Aufklärung über solche Arten spielen können, und hat die künftige Haltung 2017 durch eine Änderung der Liste invasiver gebietsfremder Arten verboten.

Körperbau und Körperfunktionen

Marderhunde sind kleine, kurzbeinige Caniden mit einer Kopf-Rumpflänge von 50-185 cm, einer Schwanzlänge von 15-20 cm, einer Schulterhöhe von 20-22(-25) cm und einem Gewicht, das im Sommer bei 3.5-6 kg und im Winter bei 6-10(-12) kg liegt. Rüden sind etwas schwerer als Fähen. Der Kopf ist relativ klein, Ohren und Hals sind kurz. Die Vorderpfoten haben 5, die hinteren 4 Zehen. Die Fähen haben 5 Paar Zitzen. Ähnlich dem Waschbär hat der Marderhund eine von den Augen bis zur Kehle reichende schwarze, hell umgrenzte Gesichtsmaske, wobei anders als bei jenem der Raum zwischen den Augen hell ist. Das Fell wird jahreszeitlich gewchselt. Winter- und Sommerfell unterscheiden sich farblich nicht; sie sind an den Seiten und am Bauch beigegrau, die Rückenpartie und oOberseite des Schwanzes eher schwarzbraun; Kehle, Brust und Beine sind schwarz. Besonders das Winterfell hat eine dichte Unterwolle. Anders als beim Waschbären ist der Schwanz nicht geringelt [2; 10;11].

Verbreitung

Ostasien: Ursprünglich in China, Japan, Nord- und Südkorea, der Mongolei und Russland. Eingeführt/Eingewandert in verschiedenen anderen Teilen von Russland, in Deutschland, Estland, Finnland, Frankreich, Kasachstan, Lettland, Litauen, Moldawien, Niederlanden, Norwegen, Österreich, Polen, Rumänien, Slowakei, Schweden, Schweiz, Tschechien, Ukraine, Ungarn, Vietnam, Weißrussland [3].

Situation in Mitteleuropa

In Deutschland wurde der Marderhund 1932 erstmals nachgewiesen. Heute ist er flächendeckend verbreitet und häufig [5]. Im Jagdjahr 2014/15 wurden 23'880 Stück erlegt, 2016/17 waren es bereits 30'272 (DEUTSCHER JAGDVERBAND). In der Schweiz geht der erste Nachweis auf das Jahr 1997 zurück. Seit dann wurden bis 2017 gegen 20 Tiere erlegt (Kantone Aargau, Basel-Stadt, Bern, Jura, Schwyz, Uri, Zürich), tot aufgefunden oder mit Fotofallen dokumentiert [4; Schweiz. Jagdstatistik]. In Österreich ergab eine 2009/10 durchgeführte Fragebogenaktion 62 Meldungen, hauptsächlich aus Niederösterreich [1].

Lebensraum und Lebensweise

Der Marderhund besiedelt Tundra, Moore, Taiga, Misch- und Laubwälder, möglichst mit viel Unterholz, Fluss- und Seeuferufer sowie Parks und Kulturland. Bei uns bevorzugt er mit Feldern, Kleingewässern, Feldgehölzen und kleinen Wäldern vielfältig strukturierte Lebensräume im Flachland, im Mittelgebirge hält er sich vor allem in den Flusstälern auf. Er ist ein Allesfresser, der sich zu je etwa der Hälfte von animalischer und pflanzlicher Kost ernährt. Zu seinem Nahrungsspektrum gehören Kleinsäuger, Jungvögel, Amphibien, Fische, Wirbellose, Aas, Eier, Pilze, Kastanien, Eicheln, Obst, Beeren und Mais. Im Gegensatz etwa zum Rotfuchs leben Marderhunde ganzjährig paarweise zusammen und ziehen auch gemeinsam ihren Nachwuchs groß. Nach einer Tragzeit von etwa 60 (59-64) Tagen werden Ende März / Anfang April durchschnittlich 6-9 Junge geboren, im Extremfall bis 19. Für die Aufzucht werden gerne alte Dachsbaue benutzt. Die Welpen beginnen ab der 3. Lebenswoche den Bau zu verlassen. Im August / September sind sie selbständig und wandern in der Regel ab [2; 7; 11].

Von 2001-2004 wurde in Südbrandenburg ein Forschungsprojekt zur Lebensraumnutzung und Nahrungswahl bei Marderhunden durchgeführt. Die Marderhunde hatten Streifgebiete von rund 1.8 km² / Paar mit Kernarealen von etwa 50 ha, die zumeist einen alten, in einem Kiefernwäldchen gelegenen Dachsbau umgaben. Da die Marderhunde im Winter überwiegend von ihren Körperfettreserven leben, schrumpft ihr Streifgebiet während der kalten Jahreszeit auf 0.85 -0.89 km². Von August bis Oktober, d.h. während der Periode, wo die Fettreserven angelegt werden, waren die ermittelten Streifgebiete dagegen im Mittel 2.73 km² groß. Die Streifgebiete benachbarter Paare können sich überlappen. Wahrscheinlich wird nur der innere Bereich um den Bau herum als Territorium verteidigt [7].

Gefährdung und Schutz

Der Marderhund ist in Japan häufig. In den anderen Ostasiatischen Ländern seines Verbreitungsgebiets weiß man zwar wenig über die Bestandesdichten, aber er ist auch dort weitverbreitet. Die Populationen in verschiedenen Ländern in Nord- und Osteuropa breiten sich weiterhin aus. Er gilt deshalb nach einer Beurteilung aus dem Jahr 2016 als nicht-gefährdet  (Rote Liste: LEAST CONCERN) [3].

Der internationale Handel ist nach CITES nicht geregelt.

Bedeutung für den Menschen

Kulturelle Bedeutung: In Ostasien spielt der Marderhund in den Fabeln die Rolle, die Reineke Fuchs bei uns innehat; in Japan wird er als Bote der Shinto-Gottheit "Inari" unter dem Namen „Tanuki“ verehrt [11].

Wirtschaftliche Bedeutung: Der Marderhund spielt eine Rolle für die Pelzindustrie, wo er z.B. als "Finnraccoon", "Tanuki" oder "Seefuchs" vermarktet wird. Es wurden deshalb von 1920 bis 1950 im europäischen Teil der ehemaligen Sowjetunion etwa 9'000 Marderhunde gezielt freigelassen, von wo sie sich weiter ausbreiteten. Mit der Zeit verlagerte sich die Bedarfsdeckung von Naturentnahmen auf Nachzuchten. In China werden über 125 Millionen Tiere in Pelzfarmen gehalten. In Europa gibt es noch Marderhundzuchten in Finnland, jene in Schweden und Ungarn wurden aufgegeben. In Europa wird er heute hauptsächlich bejagt, weil er ein Neubürger ist und als potenzieller Schädling angesehen wird. In Japan werden Marderhund-Haare zu Schreibpinseln verarbeitet [4; 10].

Haltung

Marderhunde können im Zoo ein Alter von über 16 Jahren erreichen [9]. Die sehr variable Wurfgröße macht eine Zuchtplanung schwierig, zumindest in Deutschland, wo das Töten nicht platzierbarer Tiere im Rahmen eines Erhaltungszuchtprogramms nicht als Tötung mit "vernünftigem Grund" im Sinne des Tierschutzgesetzes angesehen wird.

Seit Juli 2017 ist die Art auf der Liste invasiver gebietsfremder Arten von unionsweiter Bedeutung aufgeführt und darf, wenn es nach der EU-Kommission geht, vorbehältlich einer Ausnahmegenehmigung in Zukunft weder erworben noch gehalten oder gezüchtet werden. Dies mag in einzelnen Ländern gerechtfertigt sein, in Deutschland aber, wo den weniger als 200 in Zoos, Tier- und Wildparks gehaltenen Marderhunden über 30'000 jährliche Abschüsse entgegenstehen, ist das Verhaltnisblödsinn.

Haltung in europäischen Zoos: Die Art wird in rund 140 Zoos gehalten, von denen sich gegen ein Drittel im deutschsprachigen Raum befinden. Für Details siehe Zootierliste.

Forschung im Zoo: Der Marderhund ist gelegentlich Gegenstand von Forschungsarbeiten, so z.B. im Rahmen einer vergleichenden Studie über das Ruheverhalten von Caniden [6].

Mindestanforderungen an Gehege: Nach Säugetiergutachten 2014 des BMEL soll ein Gehege für ein Paar mindestens eine Fläche von 30 m² aufweisen. Für jedes weitere erwachsene Tier kommen 10 m² zur Basisfläche dazu. Bei Haltung auf gewachsenen Böden ist die Fläche zu verdoppeln.

Die Schweizerische Tierschutzverordnung (Stand  2018) schreibt für ein Paar ein Gehege vor, dessen Grundfläche 40 m² misst. Für jedes weitere Tier kommen 4 m² zur Basisflächen dazu. Es müssen Schlafboxen und Abtrennmöglichkeiten vorhanden sein. Nach der 2. Tierhaltungsverordnung Österreichs (Stand 2018) sind für ein Paar 300 m² erforderlich, für jedes weitere Adulttier 30 m² mehr.

Taxonomie und Nomenklatur

Der Marderhund wurde 1834 von John Edward GRAY vom British Museum in London als "Canis procyonoides" beschrieben. 1838 stellte ihn der niederländische Zoologe Coenraad Jacob TEMMINCK in die monospezifische Gattung Nyctereutes. Gegenwärtig werden 6 Unterarten anerkannt [10].

Wegen ihres Aussehens waren sich Zoologen lange nicht klar darüber, wie diese Tierart taxonomisch einzuordnen sei. Davon zeugen die Vulgärnamen: "Marderhund" auf Deutsch, "Raccoon Dog" auf Englisch und "chien viverrin" auf Französisch. Tatsächlich handelt es sich um einen echten Hund, der in Anatomie und Verhalten eine Ähnlichkeit mit dem Afrikanischen Löffelhund aufweist [8].

Literatur und Internetquellen

  1. BLJV-Infoblatt 
  2. GRIMMBERGER, E. & RUDLOFF, K. (2009)
  3. KAUHALA, K. & SAEKI, M. (2016). Nyctereutes procyonoides. The IUCN Red List of Threatened Species 2016: e.T14925A85658776. http://www.iucnredlist.org/details/14925/0. Downloaded on 20 June 2018.
  4. KORA
  5. NEHRING, S. & SKOWRONEK, S. (2017)
  6. SOMMER, C. (1990)
  7. SUTOR, A. (2011) 
  8. WEBER, J. M. (2006)
  9. WEIGL, R. (2005)
  10. WILSON, D. E. et al. eds. (2009-)
  11. WÖRNER, F. G. (2013)

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Gelesen 446 mal Letzte Änderung am Montag, 22 Oktober 2018 08:02
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