Montag, 02 November 2020 22:41

DOLLINGER, P. (Hrsg., 2016)

Akzeptanz und Relevanz der Zoologischen Gärten.

Verhandlungsbericht des V. Rigi-Symposiums, gemeinsam organisiert von ZOOSchweiz, OZO und Zoos in Bayern mit Unterstützing von WAZA, Goldau-Rigi, 14.-16. Januar 2016. Zoo Office Bern. 74 Seiten.

Editorial:

Als der Zoologische Garten Basel im Jahr 2014 der Öffentlichkeit seine Absicht kund tat, ausserhalb des aktuellen Zoogeländes ein mit privaten Mitteln finanziertes Ozeanium zu bauen, meldete sich sogleich eine am Genfersee domizilierte Umweltorganisation zu Wort, die bemängelte, das Projekt des Basler Zoos sei ein «Konzept des vergangenen Jahrhunderts», das sie verhindern und mit einem eigenen Projekt ersetzen wolle. Dieses Alternativprojekt unter den Namen «Vision Nemo» wurde in der Folge entwickelt und der Öffentlichkeit vorgestellt. Es handelte sich dabei um eine Art interaktives Kino, einen «revolutionären» Erlebnispark in dem «sinnliche, interaktive Reisen durch bewegte, bewegende und dreidimensionale Bild- und Klangwelten» ermöglicht werden sollen. Die Kosten für dieses Gegenprojekt sollten sich auf 80 Mio. CHF belaufen, welche die Initianten von Basler Mäzenen zu erhalten hofften. Um ihrer Idee zum Erfolg zu verhelfen, wollten sie auch vor demokratischen Mitteln nicht Halt machen und drohten indirekt mit einer Volksabstimmung, sollte sich beim Zoo kein Umdenken einstellen.

Der Zoo Basel liess sich von diesen Aktivitäten, denen sich auch einige lokale Projektkritiker angeschlossen hatten, nicht beirren. Unter dem Vorsitz des ehemaligen Basler Regierungsrats und Präsidenten von Swiss Olympic JÖRG SCHILD wurde ein Patronatskomitee gebildet, dem namhafte Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft angehörten. Binnen zweier Jahre konnten über 50% der veranschlagten Bausumme durch Spenden gesichert werden. Die Teilnahme am World Oceans Day wurde zur festen Einrichtung. Ab 2015 wurde ein Projekt zur nachhaltigen Gewinnung von Badeschwämmen auf Sansibar unterstützt, es folgte die Unterstützung eines Lachs-Forschungsprojekts der Universität Basel [6], und 2016 wurde mit der FONDATION PRINCE ALBERT II DE MONACO eine Partnerschaftskonvention unterzeichnet mit der das gemeinsame strategische Engagement zugunsten der Umwelt mit Fokus auf maritime ökologische Anliegen manifestiert wurde. Im Februar 2016 wurden die Entwürfe für den Bebauungsplan, die Zonenänderung, die Zuweisung der Lärmempfindlichkeitsstufe und die Änderung der Bau- und Strassenlinien öffentlich aufgelegt. Es gab zwei Einsprachen, eine gegen das Projekt an sich – von der eingangs erwähnten Organisation, die ihre Legitimation mit dem Verbandsbeschwerderecht gemäss Natur- und Heimatschutzgesetz begründete – und eine  weitere, die sich lediglich gegen die geplante Verkehrsführung im Projektperimeter richtete.

Diese Beispiel zeigt mit aller Deutlichkeit, in welcher Situation sich die Zoos heute befinden: Einerseits können sie sich des ungebrochenen Zuspruchs des allgemeinen Publikums erfreuen und sich auf einen soliden Kreis von Freunden und Förderern verlassen, die sie auch finanziell unterstützen, andererseits sehen sie sich der Kritik zoofeindlicher Organisationen ausgesetzt, die, so unbegründet sie im Einzelfall auch sein mag, ein erhebliches Medieninteresse erzeugt und die Zoos zwingt, sich zu verteidigen.

Dies war der Grund, für das diesjährige Rigi-Symposium das Thema «Akzeptanz und Relevanz der Zoos» zu wählen.

Eingeleitet wurden die Vorträge durch den Religionswissenschafter und Ägyptologen MIKE STOLL, der zum Schluss kam, dass Zoos nicht nur relevant seien, weil sie die Aufgaben erfüllten, die sie sich selbst gestellt hatten oder die ihnen heute von der Zoo-Richtlinie der EU überbunden werden, sondern auch weil sie allein durch ihre Existenz unsere Kultur aktiv mitgestalten und in uns selbst das Verständnis für die Schöpfung insgesamt fördern.

Der frühere und der gegenwärtige Geschäftsführer des Verbands der Zoologischen Gärten (VdZ) gingen der Frage nach, wie sich der VdZ aufstellt, damit seine Zoos auch in Zukunft  noch akzeptiert und relevant sind. PETER DOLLINGER analysierte die Situation, wie sie sich in den letzten Jahren präsentiert hatte und zeigte auf, was der VdZ bis anhin unternommen hatte, um den Anforderungen des 21. Jahrhunderts Genüge zu tun, und VOLKER HOMES stellte dar, was in Zukunft geplant ist.
Der Präsident des VdZ, THEO PAGEL, erläuterte, welchen gesetzlichen Auftrag die Zoos in der europäischen Union und namentlich in Deutschland und Österreich haben und unter welchen oftmals einschränkenden Rahmenbedingungen sie arbeiten müssen.

MARKUS GUSSET vom Weltverband der Zoos und Aquarien ging der Frage nach, wohin der «animal welfare» Trend in unserer Gesellschaft führt und erläuterte dies mit Umfrage-Ergebnissen eines schweizerischen Magazins.

PETER SCHMID, ehemaliger Erziehungsdirektor des Kantons Basel-Landschaft diskutierte, ob die Haltung von Wildtieren zu edukativen Zwecken unter ethischen Gesichtspunkten erlaubt sei, eine Frage, die er bejahte, sofern gewisse Rahmenbedingungen erfüllt werden.

CHRISTIAN LAESSER, Professor an der Hochschule St. Gallen, referierte darüber, welche Relevanz Zoos für den Tourismus haben, wobei er einerseits bemängelte, dass es wenig systematische Untersuchungen gebe, andererseits aber auch Vorschläge machte, wie sich Zoos in touristischer Hinsicht weiterentwickeln könnten.

Und schliesslich beendete der jüngste Zoodirektor Deutschlands, DENNIS MÜLLER aus Halle, den Reigen damit, dass er seine Vision vorstellte, wie ein Zoo im Jahr 2050 aussehen sollte.

Die vom Moderator KURT AESCHBACHER des Schweizer Fernsehens exzellent zusammengefassten Präsentationen der Arbeitsgruppen resultierten, trotz sehr unterschiedlicher Vorgehensweisen, in einem Massnahmenkatalog, den wir allen Zoos ans Herz legen.

dollinger-biblio

Freigegeben in D
Donnerstag, 14 Juni 2018 09:55

HEDIGER, H. (1973)

Bedeutung und Aufgaben der Zoologischen Gärten.

Vierteljahresschrift der Naturforschenden Gesellschaft in Zürich, 118: 319-328.

Auszug:

Es kann niemals Aufgabe der Zoologischen Gärten sein, vollständige «Sammlungen» bestimmter Tiergruppen zu zeigen. Das anzustreben, müssen wir eindeutig den Museen überlassen. Selbst diesen, die nicht mit den grossen Risiken lebender Tiere zu rechnen haben, kann das nur ausnahmsweise gelingen. Die Aufgabe der Zoologischen Gärten liegt vielmehr darin, aus der verwirrenden Fülle des Tierreiches Vertreter einiger repräsenta-tiver Gruppen auszuwählen und sie in genügender Individuen-zahl in möglichst naturnahen Territorien zu halten, und zwar so, dass diese Natur-Ausschnitte nicht nur dem Tier alles bie-ten, was es zur Lebensentfaltung braucht, sondern dass die Ge-samtheit dieser Biotope auch dem betrachtenden Menschen als Erholungsraum dient.

Im Zürcher Zoo stellt das Kleine Affenhaus ein bescheidenes Beispiel dieser Bemühungen dar. Anstelle der vielen Einzelkäfige in der Grösse von Telefonkabinen wurden wenige, dafür grössere Räume eingebaut. Einzelne Segmente wurden sogar für Pflanzen geopfert; doch ist das nur ein erster Schritt in der Richtung biologischer Tierhaltung - und es war kein leichter Schritt. Pflanzen sind im Zoo übrigens zuverlässige Kontrolleu-re des biologischen Mikroklimas.

In der Tat haben die Zoologischen Gärten, ich meine Institutionen, welche diese Bezeichnung für sich überhaupt in Anspruch nehmen dürfen (nicht jede Anhäufung von Tieren ist ein Zoo), in dieser Beziehung wesentliche Fortschritte gemacht. Aus kerkerartigen, eisenstangenstarrenden Käfigen für neuroti-sierte Einzeltiere sind künstliche, aber naturnahe Territorien für gesunde Tierfamilien oder -herden geworden, denen nichts Wesentliches fehlt, denen sogar noch etwas Zusätzliches geboten wird, nämlich Schutz vor Hunger und Durst, Schutz vor ihren Feinden, vor Parasiten und Krankheiten, Schutz auch vor den Elementen wie Überschwemmungen, extremer Trockenheit, Wald- und Steppenbränden usw. Der heutige Zoobesucher sieht nicht mehr bedauernswerte Tiere, welche der Museumsreife entgegenvegetieren, sondern - ich wage diese Bezeichnung - zufriedene, glückliche soziale Einheiten, die sich nicht mehr als Gefangene, sondern nachweisbar als Grundbesitzer, d. h. als Territoriumsbesitzer fühlen, wie ich das an anderer Stelle ausführlich dargetan habe.

Man kann als Zoodirektor - auch das wage ich heute zu behaupten - ein gutes Gewissen haben nicht nur gegenüber dem Tier, sondern auch gegenüber dem Menschen. Denn auch dieser, besonders der Grossstadt-Mensch, braucht heute den Zoo – er ist zu einem notwendigen Teil des Grossstadt-Biotopes geworden und steht im eigentlichen Sinne im Dienste der Psychohygiene des modernen Menschen.

Wenn ich heute versuchen soll, die Aufgaben der Zoologischen Gärten zu umschreiben, so bleibt es m. E. im wesentlichen bei dem, was ich schon oft ausgeführt habe:

  1. Ein Zoo muss der Bevölkerung als Erholungsraum dienen. Er bildet einen psychohygienisch höchst wichtigen Bestandteil des menschlichen Grossstadt-Biotopes.
  2. Er hat die volkstümliche Belehrung des breiten Publikums zu fördern. Der europäische Fischotter wird nur deswegen ausgerottet, weil Generationen von uns eingehämmert worden ist, der Fischotter sei der schlimmste Feind der Fischerei, was nachweislich falsch ist. Ebenso falsch war z. B. die sogar von angeblichen Experten verbreitete Meinung, der Fuchs spiele für die Dezimierung von Mäusen und Ratten keine Rolle oder die millionenweise Vernichtung von Obstbäumen sei für die insektenvertilgenden Singvögel belanglos.
  3. Ein Zoo hat seinen Tierbestand auch wissenschaftlich auszuwerten und sich an der Forschung aktiv zu beteiligen, und zwar nicht nur hinsichtlich der Rezepte für die optimale Haltung und Züchtung bestimmter bevorzugter Arten, sondern auch im Hinblick auf die weitreichenden Folgen der «Umkehr des Lebensraumes», d. h. der noch viel zu wenig beachteten Tatsache, dass die Wildtiere aus ihren ursprünglichen Biotopen durch die fortschreitende Technik immer mehr verdrängt werden, in immer grösse-rer Zahl aber in den Metropolen in Neo-Biotopen und Parkarealen gehalten werden.
  4. Der Zoo muss sich in den Dienst des Naturschutzes stellen, u. a. auch durch Asylgewährung an bedrohte Tierarten und deren Wiedereinbürgerung.

Mit anderen Worten, der Zoo - jeder Zoo - muss sich nach den Forderungen der Tiergarten-Biologie ausrichten. Diese liefert einerseits die wissenschaftlichen Grundlagen für die optimale und sinngemässe Haltung von Wildtieren in menschlicher Ob-hut und erforscht andererseits die besonderen biologischen Gesetzmässigkeiten, die sich aus dieser TierhaItung für Tier und Mensch ergeben.

Ich glaube, in der Erfüllung dieser grossen, doppelten Aufgabe liegt heute - und vielleicht auch morgen - die Bedeutung der Zoologischen Gärten.

 

hediger-biblio

Freigegeben in H
© Peter Dollinger, Zoo Office Bern hyperworx