Haltungsbedingungen

Wohin die Reise geht

Gorillas (Gorilla g. gorilla) auf naturnaher Anlage in der Vallée des Singes, Romagne Gorillas (Gorilla g. gorilla) auf naturnaher Anlage in der Vallée des Singes, Romagne
© Peter Dollinger, Zoo Office Bern

Wohin die Reise geht

Zoos müssen neuem Wissen über die Biologie der Tiere und den sich ändernden Haltungsansprüchen Rechnung tragen. Aus ihrem Selbstverständnis heraus passen sie die Haltungsbedingungen ihrer Tiere an neue Erkenntnisse an, um die wirtschaftliche Grundlage ihrer Existenz zu sichern, gehen sie im Rahmen ihrer Möglichkeiten auf die Bedürfnisse und Wünsche des Publikums ein. Auf dieser und den folgenden Seiten werden einige Aspekte vorgestellt, die in diesem Zusammenhang von Bedeutung sind. Absicht ist, Grundlagenwissen zu schaffen, Vorurteilen zu begegnen und Vorgehensweisen der Zoos zu erklären.

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Das älteste Raubtierhaus des Basler Zoos von 1874, erweitert 1901 © Archiv Zoo Basel.

 

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Das zweite Raubtierhaus des Basler Zoos, ein orientalischer Stilbau, aus dem Jahr 1904 © Archiv Zoo Basel

 

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Innovativ, erfolgreich für die Zucht und vielfach imitiert: das dritte Raubtierhaus des Zoo Basel aus dem Jahr 1956 © Peter Dollinger, Zoo Office Bern

 

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Nach 50 Jahren wurde das Basler Raubtierhaus durch die neue Löwensteppe „Gamgoas“ ersetzt, verbunden mit dem Verzicht auf Tiger, Leoparden und verschiedene kleinere Arten © Peter Dollinger, Zoo Office Bern

 

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Barrierefreie Hochgebirgsanlage für Steinwild im Alpenzoo Innsbruck © Alpenzoo

 

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Haltung mehrere Bärenarten auf einer Anlage, Zoo Hannover, 1972 © Peter Dollinger, VDZ

 

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Riesenkängurus auf der ehemaligen Gayal-Anlage im Zoo Heidelberg © Peter Dollinger, VDZ

 

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Volierenreihen in einem kleinen Vogelpark in Rheinland-Pfalz © Peter Dollinger, VDZ

 

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Menagerie Paris - Bärengraben im Originalzustand © Peter Dollinger, VDZ

 

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Menagerie Paris - Bärengraben nach Umgestaltung für Binturongs © Peter Dollinger, VDZ

 

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Mähnenlöwe (Panthera leo) auf der 2001 eröffneten Anlage "Makasi Simba" des Leipziger Zoos © Peter Dollinger, Zoo Office Bern

Viele Anlagen haben sich nach 25-50 Jahren überlebt und müssen ersetzt werden. Dafür, wie dies geschieht, sollen nebenstehende Bilder aus dem Zoo Basel zeigen [3].

In vielen Zoos herrscht nicht nur eine rege Bautätigkeit. Wo immer nötig und möglich, wird auch das Zoogelände erweitert (z.B. Basel-Lange Erlen, Bern, Bremerhaven, Dresden, Goldau, Heidelberg, Innsbruck, Karlsruhe, Krefeld, Landau, Leipzig, Magdeburg, Nordhorn, Osnabrück, Rheine, Wien, Wingst, Wuppertal, Zürich) und dadurch Luft im alten Zooteil geschaffen. Alte Gehege werden umgebaut oder abgerissen und neu gebaut [3]. In einer Veröffentlichung von SHERIDAN [4] wird angegeben, dass in den Jahren 2010-2012 in größeren Zoos im deutschsprachigen Raum insgesamt 28 "major investments" für über 400 Millionen EURO getätigt werden sollen. Das tatsächliche Investionsvolumen ist aber sehr viel höher. Der von SHERIDAN nicht erfasste Tierpark Bern eröffnete 2010/11 Neuanlagen, in die rund 18 Milionen € investiert wurden. Der ebenfalls nicht erfasste Alpenzoo Innsbruck befindet sich seit dem Jahr 2000 in einer Phase des Totalumbaus, der mit einer Zooerweiterung und dem Bau eines Schaubauernhofs begann. 2002 wurde eine große begehbare Waldrappvoliere eröffnet. 2003 bezogen die Wisente und Braunbären neue Gehege. 2005 folgten eine neues Rehgehege und eine Auwaldvoliere. Seit 2006 können sich Besucher und Steinböcke in einer Hochgebirgsanlage unmittelbar begegnen und die Kolkraben bewohnen den Paul-Flora-Rabenturm. 2007 wurde eine wegweisende Großvoliere für Bartgeier und andere Alpentiere eröffnet, 2008 gab es neue Anlagen für Gemsen, Steinadler und Wildkatzen, 2009 drei Volierenkomplexe für Großvögel, Raufussfühner und Eulen. 2010 wurde eine neue Fischotteranlage eröffnet und 2012 folgte ein neuer Gebäudekomplex mit Tierarztpraxis und Groß-Aquarium für einheimische Fische, der allein auf rund 2 Millionen EURO zu stehen kam. 2015 konnte eine neue  Anlage für Birkhühner, Schneehasen und Tannenhäher eröffnet werden, 2018 ein neues Gehege für Baummarder und 2019 eine bis zu 14 m hohe und über 1000 m² große Voliere für Gänse- und Schmutzgeier [1].

Seit dem Jahr 2000 setzt der Zoo Leipzig seinen Masterplan "Zoo der Zukunft" um, der einen Totalumbau des Zoos vorsieht. Im Bauabschnitt I wurden eröffnet: Löwensavanne "Makasi Simba" und Menschenaffenanlage "Pongoland" (2001), das zum Entdeckerhaus Arche umgebaute ehemalige Raubtierhaus und Lippenbärenschlucht (2002), Tiger-Taiga (2003), Kiwara-Savanne und Tüpfelhyänen-Anlage (2004),  Asiatische Freiflugvoliere und Okapianlage 1 (2005), Elefantentempel Ganesha Mandir (2006) und Okapianlage 2 (2008). Die 2. Etappe bildete die Errichtung der Riesentropenhalle Gondwanaland (2007-2011). Im dritten Bauabschnitt (2012-2017) entstanden eine Anlage für Amurleoparden, ein neuer Ausgangsbereich mit begehbarer Flamingovoliere,  die Gemeinschaftsanlage "Kiwara Kopje" für Nashörner, Geparden und Husarenaffen, die Hochgebirgsanlage „Himalaya“ und ein Teil der Südamerikaanlagen. Ab 2018, geplant bis 2022, folgen Feuerland, Sanierung des Aquariums, Asiatische Inselwelt, Anlage für afrikanische Wildhunde, „Sulawesi-Anlage“, Erweiterungen Okapi-Wald und Streichelkral [5].

Weil die neuen Gehege in aller Regel größer sind als die alten, wird die Zahl der gehaltenen Tierarten reduziert. In den letzten 40 Jahren hat die Zahl der durchschnittlich in VdZ-Zoos gehaltenen Tierarten um ein Drittel abgenommen. Besonders augenfällig ist dies bei den Bären: hielten früher auch mittelgroße Zoos 4-5 Bärenarten, so beschränken sie sich heute auf eine oder zwei. Die Abnahme der Vielfalt der gehaltenen Meerkatzenarten ist in ganz Europa dramatisch.

Von den ursprünglich 20 kuchenstückförmigen Außengehegen des Berliner Giraffenhauses wurden jeweils drei bis vier zu einem größeren Gehege zusammengelegt und von den ehemals 20 Huftierarten sind gerade mal vier übriggeblieben, aber diese in schönen Gruppen. Das nach Berliner Vorbild erbaute, jedoch kleinere Giraffenhaus des Basler Zoos machte den gleichen Prozess durch und beherbergt heute nur noch Okapis in einem Doppelgehege sowie Giraffen und Kleine Kudus in einer Gemeinschaftshaltung. Zwischen 1950 und 70 besaß der Tierpark Hellabrunn mit 25 Arten und Unterarten eine der weltweit vielfältigsten Hirschkollektionen. Heute sind zwei Drittel davon Geschichte [3].

Im mit bis vor kurzem nur 9.5 ha flächenmäßig kleinen Heidelberger Zoo wurde seit dem Jahr 2000 die Haltung u.a. folgender Tierarten aufgegeben: Orangutan, Mähnenwolf, Gepard, Amurkatze, Bengalkatze, Ozelot, Europäische Wildkatze, Fennek, Seehund, Breitmaulnashorn, Schabrackentapir, Warzenschwein, Schottisches Hochlandrind, Camarguerind, Gayal. Für einige dieser Arten wurden neue Arten in den Tierbestand aufgenommen, so wird die Nashornanlage jetzt von Roten Riesenkängurus bewohnt und im Menschenaffenhaus lebens jetzt Kattas und Sifakas. In den meisten Fällen wurden aber die frei werdenden Flächen zur Vergrösserung der Gehege für andere, bereits vorhandene Tierarten genutzt, so etwa die alte Tapiranlage für die Riesenschildkröten, die der Hochlandrinder für die Trampeltiere oder jene der Warzenschweine und Fenneks für die Präriehunde.

Am stärksten ist die Reduktion der Artenzahl bei den Vögeln. Legte man früher Wert darauf, drei bis vier Flamingoarten zu zeigen, geht die Tendenz heute zu einer Art pro Anlage, womit sich auch das Problem der Art- und Unterartbastarde erledigt. Viele Volieren für Kleinvögel glichen früher eher einer Zoohandlung: Eine Unzahl von Prachtfinkenarten mit jeweils nur wenigen Individuen pro Art wurden zusammen in einem möglichst funktionell eingerichteten Käfig gehalten, was weder edukativ noch nachhaltig war. Das gibt es heute bestenfalls noch in von Züchtervereinen betriebenen Vogelparks, aber nicht mehr in wissenschaftlich geleiteten Zoos. Auch die umfangreichen Fasanen- und Papageienkollektionen, die früher in langen Reihern gleichförmiger Volieren gezeigt wurden, sind weitgehend verschwunden und haben der Haltung von einigen wenigen, als Beispiele dienenden Arten Platz gemacht [3].

Die Tierbestandsreduktion kann allerding nicht beliebig fortgesetzt werden, denn es gehört zum Leistungsauftrag eines Zoos, die Biodiversität erlebbar zu machen, und dazu bedarf es nun einmal einer gewissen Artenzahl. Oft werden daher Tierarten nicht einfach abgeschafft, sondern größere Tiere werden durch kleinere ersetzt: ein Gehege, das für einen Tiger zu klein ist, vermag einem Ozelot eher eine akzeptable Umgebung zu bieten. Ein zu kleiner Graben mit Betonboden für Großbären wird zu einer ausreichend großen und gut eingerichteten Anlage für Kleinraubtiere, wie Nasen- oder Waschbären umgestaltet, in der sogar natürliche Vegetation gedeiht [2; 3].

Ziel soll sein, einen in Bezug auf die verfügbare Fläche optimalen Tierbestand in einer natürlich wirkenden Umgebung zu halten. Aus zoopädagogischen Gründen wird häufig angestrebt, die Tiere in einem zoogeogeografischen oder ökologischen Kontext zu zeigen. Gemeinschaftshaltungen stellen eine Bereicherung für die Tiere dar und machen den Zoobesuch für das Publikum interessanter.

Literatur und Internetquellen

  1. ALPENZOO INNSBRUCK
  2. DOLLINGER, P. (Hrsg., 2010)
  3. DOLLINGER, P. (Red. 2012)
  4. SHERIDAN, A. (2011)
  5. ZOO LEIPZIG

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Gelesen 788 mal Letzte Änderung am Freitag, 26 März 2021 11:41
© Peter Dollinger, Zoo Office Bern hyperworx