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DOLLINGER, P. (Hrsg., 2016)

Akzeptanz und Relevanz der Zoologischen Gärten.

Verhandlungsbericht des V. Rigi-Symposiums, gemeinsam organisiert von ZOOSchweiz, OZO und Zoos in Bayern mit Unterstützing von WAZA, Goldau-Rigi, 14.-16. Januar 2016. Zoo Office Bern. 74 Seiten.

Editorial:

Als der Zoologische Garten Basel im Jahr 2014 der Öffentlichkeit seine Absicht kund tat, ausserhalb des aktuellen Zoogeländes ein mit privaten Mitteln finanziertes Ozeanium zu bauen, meldete sich sogleich eine am Genfersee domizilierte Umweltorganisation zu Wort, die bemängelte, das Projekt des Basler Zoos sei ein «Konzept des vergangenen Jahrhunderts», das sie verhindern und mit einem eigenen Projekt ersetzen wolle. Dieses Alternativprojekt unter den Namen «Vision Nemo» wurde in der Folge entwickelt und der Öffentlichkeit vorgestellt. Es handelte sich dabei um eine Art interaktives Kino, einen «revolutionären» Erlebnispark in dem «sinnliche, interaktive Reisen durch bewegte, bewegende und dreidimensionale Bild- und Klangwelten» ermöglicht werden sollen. Die Kosten für dieses Gegenprojekt sollten sich auf 80 Mio. CHF belaufen, welche die Initianten von Basler Mäzenen zu erhalten hofften. Um ihrer Idee zum Erfolg zu verhelfen, wollten sie auch vor demokratischen Mitteln nicht Halt machen und drohten indirekt mit einer Volksabstimmung, sollte sich beim Zoo kein Umdenken einstellen.

Der Zoo Basel liess sich von diesen Aktivitäten, denen sich auch einige lokale Projektkritiker angeschlossen hatten, nicht beirren. Unter dem Vorsitz des ehemaligen Basler Regierungsrats und Präsidenten von Swiss Olympic JÖRG SCHILD wurde ein Patronatskomitee gebildet, dem namhafte Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft angehörten. Binnen zweier Jahre konnten über 50% der veranschlagten Bausumme durch Spenden gesichert werden. Die Teilnahme am World Oceans Day wurde zur festen Einrichtung. Ab 2015 wurde ein Projekt zur nachhaltigen Gewinnung von Badeschwämmen auf Sansibar unterstützt, es folgte die Unterstützung eines Lachs-Forschungsprojekts der Universität Basel [6], und 2016 wurde mit der FONDATION PRINCE ALBERT II DE MONACO eine Partnerschaftskonvention unterzeichnet mit der das gemeinsame strategische Engagement zugunsten der Umwelt mit Fokus auf maritime ökologische Anliegen manifestiert wurde. Im Februar 2016 wurden die Entwürfe für den Bebauungsplan, die Zonenänderung, die Zuweisung der Lärmempfindlichkeitsstufe und die Änderung der Bau- und Strassenlinien öffentlich aufgelegt. Es gab zwei Einsprachen, eine gegen das Projekt an sich – von der eingangs erwähnten Organisation, die ihre Legitimation mit dem Verbandsbeschwerderecht gemäss Natur- und Heimatschutzgesetz begründete – und eine  weitere, die sich lediglich gegen die geplante Verkehrsführung im Projektperimeter richtete.

Diese Beispiel zeigt mit aller Deutlichkeit, in welcher Situation sich die Zoos heute befinden: Einerseits können sie sich des ungebrochenen Zuspruchs des allgemeinen Publikums erfreuen und sich auf einen soliden Kreis von Freunden und Förderern verlassen, die sie auch finanziell unterstützen, andererseits sehen sie sich der Kritik zoofeindlicher Organisationen ausgesetzt, die, so unbegründet sie im Einzelfall auch sein mag, ein erhebliches Medieninteresse erzeugt und die Zoos zwingt, sich zu verteidigen.

Dies war der Grund, für das diesjährige Rigi-Symposium das Thema «Akzeptanz und Relevanz der Zoos» zu wählen.

Eingeleitet wurden die Vorträge durch den Religionswissenschafter und Ägyptologen MIKE STOLL, der zum Schluss kam, dass Zoos nicht nur relevant seien, weil sie die Aufgaben erfüllten, die sie sich selbst gestellt hatten oder die ihnen heute von der Zoo-Richtlinie der EU überbunden werden, sondern auch weil sie allein durch ihre Existenz unsere Kultur aktiv mitgestalten und in uns selbst das Verständnis für die Schöpfung insgesamt fördern.

Der frühere und der gegenwärtige Geschäftsführer des Verbands der Zoologischen Gärten (VdZ) gingen der Frage nach, wie sich der VdZ aufstellt, damit seine Zoos auch in Zukunft  noch akzeptiert und relevant sind. PETER DOLLINGER analysierte die Situation, wie sie sich in den letzten Jahren präsentiert hatte und zeigte auf, was der VdZ bis anhin unternommen hatte, um den Anforderungen des 21. Jahrhunderts Genüge zu tun, und VOLKER HOMES stellte dar, was in Zukunft geplant ist.
Der Präsident des VdZ, THEO PAGEL, erläuterte, welchen gesetzlichen Auftrag die Zoos in der europäischen Union und namentlich in Deutschland und Österreich haben und unter welchen oftmals einschränkenden Rahmenbedingungen sie arbeiten müssen.

MARKUS GUSSET vom Weltverband der Zoos und Aquarien ging der Frage nach, wohin der «animal welfare» Trend in unserer Gesellschaft führt und erläuterte dies mit Umfrage-Ergebnissen eines schweizerischen Magazins.

PETER SCHMID, ehemaliger Erziehungsdirektor des Kantons Basel-Landschaft diskutierte, ob die Haltung von Wildtieren zu edukativen Zwecken unter ethischen Gesichtspunkten erlaubt sei, eine Frage, die er bejahte, sofern gewisse Rahmenbedingungen erfüllt werden.

CHRISTIAN LAESSER, Professor an der Hochschule St. Gallen, referierte darüber, welche Relevanz Zoos für den Tourismus haben, wobei er einerseits bemängelte, dass es wenig systematische Untersuchungen gebe, andererseits aber auch Vorschläge machte, wie sich Zoos in touristischer Hinsicht weiterentwickeln könnten.

Und schliesslich beendete der jüngste Zoodirektor Deutschlands, DENNIS MÜLLER aus Halle, den Reigen damit, dass er seine Vision vorstellte, wie ein Zoo im Jahr 2050 aussehen sollte.

Die vom Moderator KURT AESCHBACHER des Schweizer Fernsehens exzellent zusammengefassten Präsentationen der Arbeitsgruppen resultierten, trotz sehr unterschiedlicher Vorgehensweisen, in einem Massnahmenkatalog, den wir allen Zoos ans Herz legen.

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Gelesen 101 mal Letzte Änderung am Dienstag, 03 November 2020 10:36