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GLUTZ VON BLOTZHEIM, U. N. (2004)

Die Bedeutung der Blattlaus Rhopalosiphum padi (L., 1758) und der Traubenkirsche Prunus padus L., 1753 für Vögel.

Der Ornithologische Beobachter 101: 89 – 98 (2004)

Zusammenfassung:

In zwei Gärten der Zentralschweiz wurde u.a. die Nutzung der Traubenkirschen-Hafer-Blattlaus Rho-palosiphum padi(L., 1758) an der Traubenkirsche untersucht. Diese Blattlaus überwintert als Ei auf der Traubenkirsche (Hauptwirt).  Im Frühjahr gebärt eine erste ungeflügelte Generation (Fundatrix) ungeflügelte und einige geflügelte Weibchen (Migrantes alatae).  Letztere entstehen dann vor allem in der 3. Hauptwirtsgeneration und wandern im Mai/Juni auf Gräser (Nebenwirte) ab, von wo ab Mitte September geflügelte Weibchenmütter (Gynoparae) und Männchen wieder auf die Traubenkirsche zurückkehren. Im Laufe der Jahre sind von Mitte September bis Mitte November 30 Vogelarten beim Verzehr von Traubenkirschenläusen beobachtet worden. Vor allem Mönchsgrasmücke und Zilpzalp nutzen das Angebot sehr intensiv. Sie verzehren in dieser Zeit in benachbarten Sträuchern und Bäumen auch Früchte bzw. andere Insekten, kehren aber immer wieder in die Traubenkirsche zurück und picken ausdauernder als die meisten anderen Arten Blattläuse. Zur Zeit des Blattlausfrasses sind öfter gleichzeitig bis 13 Individuen von 7 oder 8 Vogelarten in einer Traubenkirsche oder bis  11– 20 Zilpzalpe in der Traubenkirsche und benachbarten Bäumen und Sträuchern notiert worden. Diese Zahlen entsprechen in etwa dem Fassungsvermögen von 1–3 nahe beisammen gepflanzten Traubenkirschen. Im Herbst 2003 hat ein Teichrohrsänger wegen der Blattläuse mindestens 23 Tage lang auf kleinstem Raum in einem wenig typischen Rastbiotop verweilt. Wir haben ihn in dieser Zeit beim Verzehr von schätzungsweise 99’540 Blattläusen beobachtet. Mehrere Mönchsgrasmücken frassen im selben Herbst mindestens 50’240 und die Zilpzalpe mindestens 1'005’360 Blattläuse. Insgesamt darf mit einem Minimalverzehr von 1,5 – 3 Millionen Traubenkirschenläusen innerhalb von 2 Monaten gerechnet werden, was mindestens 3’000-6’000 g oder 20’160-40’330 kJ entspricht. Der Blattlausverzehr ist mit geringem Aufwand verbunden, energetisch ergiebig, eine wichtige Ergänzung zur vegetarischen Kost und wohl eine lohnende Möglichkeit zur Optimierung des Nahrungserwerbs. Unsere Beobachtungen sollten andernorts durch Kontrollen der Verweildauer, physiologische Untersuchungen und Überprüfung von Optimierungshypothesen ergänzt werden. Die früh austreibende und früh blühende Trauben-kirsche bietet schon im Frühjahr ein reiches Insektenangebot, bereits ab Mitte Juli Fruchtfleisch oder Kerne ihrer Steinfrüchte und vor allem im Herbst für verschiedene Insekten den begehrten Honigtau. Sie ist also nicht nur aus ästhetischen Gründen ein besonders attraktiver Wildstrauch, der nicht nur in Auenwäldern, sondern auch an Waldrändern, in der teilweise offenen Landschaft und vor allem im Siedlungsgebiet mehr Beachtung verdient und gefördert werden sollte.

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© Peter Dollinger, Zoo Office Bern hyperworx