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Offener Brief an Volker Sommer

Sehr geehrter Herr Sommer

Ich muss gestehen, ich bewundere Ihre Fähigkeit, Dichtung und Wahrheit so zu verweben, dass dabei eine halbe Stunde homogener, tendenziöser Desinformation herauskommt. Das ist eine reife intellektuelle Leistung. Und auch sich als Wolf im Schafspelz zu tarnen, indem Sie vor dem Verriss ein Loblied auf die Zoos anstimmen, war bei aller böser Absicht gut gemacht.

Natürlich ist es Ihnen, wie jedem, der seine Meinung öffentlich kundtun will, unbenommen „Fakes“ in die Welt zu setzen. Da mache ich ihnen keinen Vorwurf. Aber manche Ihre Behauptungen können nicht unwidersprochen bleiben:

1. Sie behaupten, das generelle Prinzip der Zoos sei „Animal Hoarding“. Tiere würden gleich Schallplatten oder Oldtimern geradezu süchtig gesammelt.

Das ist falsch, auch wenn sie es zweimal thematisieren. Laut WIKIPEDIA versteht man unter "Animal Hoarding" das Ansammeln von Tieren durch Einzelpersonen, wobei die Mindestanforderungen an Hygiene, Platz, Ernährung und tierärztlicher Versorgung für die Tiere unterschritten werden, die Person unfähig ist, die  Auswirkungen dieser Mängel auf Tiergesundheit, Haushaltsmitglieder und Umwelt zu erkennen, sie den obsessiven Versuch macht, die Tieransammlung aufrechtzuerhalten oder gar auszubauen, trotz sich zusehends verschlechternder Bedingungen und sie die Probleme für die Tiere und gegebenenfalls auch für die Menschen im Haushalt leugnet oder bagatellisiert. Diesen Begriff auf Institutionen anzuwenden, die über eine tier-/naturschutzrechtliche Betriebsbewilligung verfügen, in denen die Tiere unter gesetzlich oder amtlich vorgeschriebenen Standards gehalten, durch eine ausreichende Anzahl qualifizierter Tierpfleger betreut sowie unter ständiger zootierärztlicher Beobachtung und amtstierärztlicher Überwachung stehen, dürfte den Tatbestand der Verleumdung nach § 187 des deutschen Strafgesetzbuchs erfüllen.

Einerseits übersehen Sie, dass Namen wie Wildpark, Aquarium, Reptilienzoo, Vogelpark, Heimattiergarten, Schmetterlingsgarten, die Sie ja penibel, wenn auch falsch (Ihre Zahlen stimmen bei Weitem nicht, die Zoo-AG weist für den deutschsprachigen Raum nicht 400, sondern über 1'000 zoologische Einrichtungen aus) nach Prozenten aufschlüsseln, bereits eine Selbstbeschränkung implizieren. Zum andern ist es eine leicht überprüfbare Tatsache, dass Zoos schon längst vom Prinzip der Briefmarkensammlung abgekommen sind und dass die mittlere Anzahl Tierarten pro Zoo seit über einem halben Jahrhundert zu Gunsten einer Verbesserung von Raumangebot und Qualität der Tierhaltung abnehmen. Dies zum Teil in einem Ausmaß, dass koordinierte Zuchtprogramme gefährdet sind [DOLLINGER, 2014].

2. Sie behaupten, dass das Zoogewerbe kaum gesetzlichen Standards unterliege.

Das ist falsch und zeugt von absoluter Ignoranz. Es gibt kaum einen Bereich, der stärker geregelt ist, als die Zootierhaltung. Dies fängt damit an, dass es eine Zoo-Richtlinie der EU gibt, eine EU-Artenschutzverordnung, eine Verordnung über invasive Tierarten und daneben jede Menge veterinärrechtlicher Vorschriften. Auf nationaler Ebene sorgen die Tier-, Arten- und Naturschutzgesetze und darauf basierende Genehmigungspflichten dafür, dass es keinen Wildwuchs gibt. In der Schweiz und Österreich werden auf Verordnungsstufe detaillierte Mindestanforderungen an die Haltung der einzelnen Tierarten festgelegt. In Deutschland gibt es zu diesem Zweck Gutachten des zuständigen Ministeriums, die von den Amtstierärzten bei ihren periodischen Kontrollen herangezogen werden. Der Tierpflegerberuf und das Vorliegen von Sachkundenachweisen sind ebenso geregelt wie sicherheitspolizeiliche Anforderungen.

3. An sich eine Bagatelle, aber doch ein Beleg dafür, wie oberflächlich sie recherchiert haben:

Ihre Angabe, WAZA habe 250 Mitglieder davon ein gutes Dutzend in Deutschland trifft etwas daneben. Ende 2017 hatte WAZA effektiv 278 institutionelle Mitglieder, davon 36 in Deutschland, nach Adam Riese also nicht ein gutes, sondern drei volle Dutzend.

4. Sie verweisen darauf, dass WAZA- und VdZ Mitglieder von den Organisationen festgelegte Standards beachten.

Sie berücksichtigen aber nicht, dass der Europäische Zoo- und Aquarienverband (EAZA), der über ein Akkreditierungsverfahren und weit detailliertere Standards oder „Best Practice Guidelines“ verfügt, mehr als 100 weitere Mitglieder hat, die in den WAZA-Zahlen nicht enthalten sind, und dass die Deutsche Tierparkgesellschaft (DTG) den Anhang zur Satzung des VdZ über Anforderungen an Mitgliedzoos weitestgehend übernommen hat und damit nochmals rund 100 Zoologische Einrichtungen einbindet. Auch nationale Zoo-Organisationen außerhalb des deutschen Sprachraums und regionale Organisationen anderer Kontinente verfügen über Standards und zum Teil Akkreditierungsverfahren für ihre Mitglieder.

5. Sie behaupten, dass durch die Zoos die Natur ausgeplündert worden sei und dass, um dies einzudämmen, seit 1973 die Regeln von CITES gälten.

Abgesehen davon, dass die Regeln von CITES nicht seit 1973, sondern erst ab dem 1. Juli 1975 in damals 10 Vertragsstaaten galten, in der Bundesrepublik Deutschland erst ab dem 20. Juni 1976 und in Österreich gar erst ab dem 27. April 1982 (schon wieder lausig recherchiert!), ist dies eine Verkehrung der Tatsachen. Zoos hatten in nur ganz wenigen Fällen eine negative Auswirkung auf Wildbestände und hatten, sobald sie dies realisierten, schon lange vor CITES freiwillige Selbstbeschränkungen eingeführt, etwa im Fall des Orang Utans und des Moschusochsen. Dann gehörte der Internationale Zoodirektorenverband, der Vorläufer von WAZA, zu den wenigen Organisationen, welche die Staatengemeinschaft dazu drängten, internationale Regeln zur Kontrolle und Beschränkung des Handels einzuführen. Effektiv gilt unter CITES für die im Anhang I aufgeführten Arten ein Verbot des kommerziellen Handels für der Natur entnommene Exemplare. Ein Handel mit Nachzuchten oder nicht-kommerzieller Handel sind jedoch weiterhin statthaft, wenn die entsprechenden Bescheinigungen vorliegen. Schließlich lagen die Probleme, welche es im Rahmen von CITES zu lösen galt, nicht bei den Zootieren, sondern bei den Pelzfellen von Katzenartigen und Ottern, bei Krokodil-, Schlangen und Waranhäuten, Schildpatt, Elfenbein, Nashornhörnern, Vikunjawolle und weiteren tierischen Produkten, bei Zierpflanzen und bei Tropenhölzern. Soweit lebende Tiere im Fokus standen, handelte es sich um Arten, die in großem Stil für andere Zwecke als für die Zoohaltung gehandelt wurden, etwa Primaten für die biomedizinische Forschung oder Schildkröten, Echsen und Papageien für die Privathaltung.

6. Sie behaupten, die Einführung der Handelsbeschränkungen hätte die Zoos unter Druck gesetzt, die Sterberate der gehaltenen Tiere zu senken.

Hier besteht überhaupt kein Kausalzusammenhang. Wenn Sie den Zoos schon kein ethisches Verhalten zubilligen wollen, müssen sie vielleicht doch einsehen, dass es ökonomisch sinnvoll ist, die Tiere längerfristig am Leben zu erhalten, vor allem für Institutionen, die nicht im Geld schwimmen. Grundsätzlich hat daher kein Zoo ein Interesse daran, dass ihm die Tiere wegsterben. Abgesehen davon, fällt die Mehrzahl der in Zoos gehaltenen Arten gar nicht unter CITES oder sie sind im Anhang II aufgeführt, fallen also unter Artikel IV des Übereinkommens, der keinerlei Anforderungen an den Empfängerbetrieb stellt. Ihre Argumentation ist daher schon vom Prinzip her nicht aufrecht zu erhalten.

Eine Reduktion der Sterberate kam nach dem Zweiten Weltkrieg durch verschiedene Faktoren zustande: Einmal, dadurch dass durch Heini HEDIGERS Buch „Wildtiere in Gefangenschaft“, mit dem er die Tiergartenbiologie als Wissenschaftszweig begründete, das Verständnis für die Tiere und ihre Bedürfnisse stieg und die Haltung verbessert wurde, dass durch neue Erkenntnisse der Ernährungswissenschaft eine vollwertige Fütterung auch bei Tierarten möglich wurde, wo dies zuvor nicht der Fall war, dass die rasante Entwicklung der Veterinärmedizin ein ganzes Arsenal von Antibiotika, Antiparasitika und Impfstoffen zur Vorbeugung und Behandlung von Krankheiten verfügbar machte und dass dank neuer Mittel zur Narkose und Immobilisation sowie der Möglichkeit diese auch auf Distanz zu applizieren, Zwischenfälle beim Umsetzen und Transport minimiert werden konnten. Hinzu kommt, dass ab 1959 der Erfahrungsaustausch zwischen den Zootierärzten im Rahmen des Internationalen Symposiums über die Erkrankungen der Zootiere institutionalisiert wurde und die Zootierärzteschaft massiv in ihre Weiterbildung investiert hat.

7. Sie behaupten, das „Vier-Säulen-Konzept“ sei im Gefolge von CITES als eine Art Charme-Offensive entwickelt worden. Es sei nicht tragendes Fundament, sondern nachgeschobener Überbau der Institution Zoo und die Erholungsfunktion sei als am wenigsten noble Aufgabe verschämt an den Schluss gestellt worden.

Hier täuschen Sie sich gleich mehrfach: Bereits 1948, da waren Sie noch nicht mal geboren, hat HEDIGER eine Schrift unter dem Titel „Der Zoologische Garten als Asyl und Forschungsstätte“ veröffentlicht, wobei sich „Asyl“ sowohl auf den Artenschutz als auch den Schutz des individuellen Tiers bezog. 1965 diskutierte er in seinem Buch „Mensch und Tier im Zoo: Tiergarten-Biologie“ die „Sieben Aspekte eines Zoologischen Gartens“ und am 26. Mai 1973 fasste er seine Anforderungen an einen Zoo, auf die er immer wieder hingewiesen hatte, in einem später veröffentlichten Vortrag an der Hauptversammlung der Naturforschenden Gesellschaft in Zürich als Vier-Säulen-Prinzip zusammen. Das fand alles statt, bevor CITES in Kraft trat.

Was die Wissenschaft angeht, sei darauf verwiesen, dass schon ab Beginn des 19. Jahrhunderts die wissenschaftliche Erstbeschreibung zahlreicher Tierarten durch Zooleute und anhand von Material aus ihren Tiergärten erfolgte, so z.B. durch Georges Cuvier, Frédéric Cuvier, Étienne Geoffroy Saint-Hilaire an der Pariser Menagerie oder durch Martin Hinrich Lichtenstein und Wilhelm Carl Hartwig Peters am Zoologischen Garten Berlin. Dies zieht sich hin bis in die Jetztzeit, indem z.B. 2005 ein neuer Vietnam-Gecko durch ein Autorenteam, zu dem der Leiter des Kölner Aquariums, Thomas Ziegler, gehörte, entdeckt und als Reverenz an die ZDF-Sendung „Abenteuer Wissen“ mit dem Namen Gekko scientiae-adventurae belegt wurde. Schon ab 1859 gab der Zoo Frankfurt mit dem „Zoologischen Garten“ eine wissenschaftliche Zeitschrift heraus, die rasch zum „Centralorgan der zoologischen Gärten in Deutschland“ mutierte. Ab 1959 erschienen jährlich die Verhandlungsberichte der internationalen Zootierärzte-Symposia und ab 1960 kam als englischsprachiges wissenschaftliches Periodikum das „International Zoo Yearbook“ hinzu. In der Welt-Zoo-Naturschutz-Strategie von 2005 werden 27 wissenschaftliche Zeitschriften angegeben, die entweder von Zoos herausgegeben oder von diesen regelmäßig mit Forschungsergebnissen bedient werden. Seit 2013 gibt EAZA das "Journal of Zoo and Aquarium Research" als Online-Publikation heraus. Schon 1958 etablierte Prof. Heinrich Dathe am Tierpark Berlin-Friedrichsfelde eine Forschungsstelle für Wirbeltierforschung, heute das Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung. Seit 2014 finanziert der Opel-Zoo als erster deutscher Zoo eine Stiftungsprofessur im Fachbereich Biowissenschaften der Goethe-Universität Frankfurt am Main und 2016 zog der Frankfurter Zoo im gleichen Sinne nach.

Bezüglich Natur- und Artenschutz ist festzuhalten, dass die ersten Erhaltungszuchten für bedrohte Arten, die in erfolgreiche Wiederansiedlungsprojekte ausmündeten, Jahrzehnte vor CITES datieren, nämlich 1905 für den Bison, 1906 für den Alpensteinbock, 1923 für den Wisent und 1957 für das Przewalskipferd und kurz danach für einige weitere Arten. Mittlerweile konnten 14 in der Wildbahn vollständig und über 200 regional ausgestorbene Arten aus Zoobeständen wiederangesiedelt werden.

Den Bildungsauftrag nahmen die Zoos ursprünglich hauptsächlich durch Professuren und Lehraufträge an den Hochschulen und durch Gehegebeschriftungen, umfangreiche Zooführer sowie Zooführungen durch Zoomitarbeiter für das breite Publikum wahr. Ab 1958 begannen die europäischen Zoos mit der Anstellung des ersten Zoolehrers in London und 1960 der ersten Zoopädagogin im Frankfurter Zoo den Bildungsauftrag auf eine breitere Basis zu stellen. Heute verfügen 86 % der VdZ-Zoos über eine Zooschule. Die 71 Mitgliedzoos haben 861 Mitarbeiter, die im edukativen Bereich tätig sind. Die Bildungsangebote der Zooschulen, Vorträge oder Führungen werden jährlich von 1.1 Millionen Menschen wahrgenommen, die "Keeper's Talks" und kommentierten Fütterungen nicht eingerechnet. Der Deutsche Wildgehegeverband hat vor ein paar Jahren eine Qualifizierungsoffensive eingeführt, die an der Bildung für nachhaltige Entwicklung ansetzt. Die Lernangebote sind darauf ausgerichtet, dass an Seminaren teilnehmende Parks zu diesem Punkt Wissen und Handlungskompetenz erwerben, um sich in der eigenen Einrichtung möglichst individuell weiterzuentwickeln. Dieses mehrstufige Angebot wird von den Parks sehr gut angenommen.

Die Erholungsfunktion kommt bei Hediger 1973 nicht, wie Sie insinuieren, verschämt an letzter, sondern an erster Stelle. Diese Reihenfolge wurde im 2012 erschienenen Jubiläumsbuch des VdZ „Gärten für Tiere – Erlebnisse für Menschen“ beibehalten. WAZA sieht in ihrer Welt-Zoo-Naturschutzstrategie von 2005 in der Erholungsfunktion, d.h. dem Aufenthalt in einer naturnahen Umgebung und direkte Mensch-Tier-Begegnungen, ein Mittel, das breite Publikum für den Schutz von Wildtieren und der Natur zu motivieren.

Als ein Beispiel für die Wahrnehmung der vier Säulen sei auf den Opel-Zoo verwiesen, der sein Engagement seit 2016 gegenüber der Öffentlichkeit mit Zahlen hinterlegt. Hier die Angaben für 2018:

  • 1. Säule - Erholung: 545'000 Besucher
  • 2. Säule - Bildung: 20'400 durch die Zoopädagogen betreute Personen
  • 3. Säule - Forschung: 18 fertiggestellte, durch die Opel-Zoo-Professur betreute Abschlussarbeiten
  • 4. Säule - Artenschutz: Nachzuchttiere an 7 Wiederansiedlungsprojekte abgegeben und 3 weitere Arten neu im Zuchtprogramm

8. Sie stellen fest, hedonistische Bedürfnisse seien der primäre Grund für einen Zoobesuch und der einzige, der die Kassen klingeln lässt. Megazoos würden Tiere als Staffage etwa für Gala-Dinners einsetzen, Tiere würden instrumentalisiert und ausgebeutet.

Fakt ist, Zoologische Gärten sind so beliebt wie nie zuvor und legen jährlich an Besuchern zu. Aber sind es wirklich "hedonistische Bedürfnisse", welche die Leute veranlassen, einen Zoo zu besuchen? Mein ehemaliger Mitarbeiter und guter Kollege Dr. Thomas Althaus, seines Zeichens Ethologe, glaubt nicht, dass die reine Unterhaltung der Grund sei, aber auch nicht der Wunsch, sich nachhaltig viel Wissen anzueignen. Vielmehr sei es das Bedürfnis, den Tieren persönlich Auge in Auge gegenüber zu stehen, sie in ihrer Körperlichkeit, ihrem Wesen, ihrer Ausdünstung, ihren Bewegungen zu erleben. Das habe nichts mit dem Kopf und dem Intellekt zu tun, sondern mit dem „Bauch“, der Gefühlsebene, der Bewunderung, der Ehrfurcht. Der Zoo vermittelt also bleibende und nachhaltige Erlebnisinhalte und Emotionen. Dafür reicht unter Umständen sogar eine Verweildauer von weniger als eine Minute vor einem Gehege aus.

Es ist richtig, dass die Zoos Bedürfnisse der Menschen nutzen, um Einkünfte zu generieren. Dies muss so sein, denn obwohl Zoos höheren Fixkosten haben als andere kulturelle Einrichtungen, werden sie in weitaus geringeren Maß subventioniert als z.B. Museen oder Theater. Wäre dies nicht der Fall, könnten sie getrost auf Eintrittsgebühren verzichten. Dazu ein paar Beispiele: Im Jahr 2007 bezuschusste die Stadt Frankfurt ihren Zoos mit 6,7 Millionen Euro, was einer Subvention in der Höhe von 7,33 Euro je Besuch entspricht. Im selben Jahr deckte sie auch das Defizit von Oper und Schauspielhaus in der Höhe 57,6 Millionen Euro, was bedeutet, dass sie im Schnitt zu jedem verkauften Theaterbillet rund 191 Euro hinzugezahlt hat. Der Berliner Senat subventionierte im Jahr 2011 Zoo und Zoo-Aquarium mit 1.3 Millionen Euro und den Tierpark mit 5.7 Millionen Euro, was 1.91 Euro pro Besucher der Hauptstadt-Zoos entspricht. Dagegen wird jeder Besuch in einem Hallenbad mit 4.80 Euro oder im Friedrichstadtpalast mit 14 Euro subventioniert, jede Karte für die Staatsoper wird mit 186 Euro bezuschusst, Tickets der Stiftung Stadtmuseum mit 61 Euro, also einem Vielfachen dessen, was die Zoos erhalten. Die Stadt Basel unterstützt den Zoo, eine gemeinnützige AG, jährlich mit umgerechnet 800'000 Euro, das sind etwa 0.70 Euro pro Besuch. Gleichzeitig subventioniert sie das Theater Basel mit 24 Millionen Euro. Bezogen auf die rund 165'000 Gäste des Dreispartentheaters entspricht dies einer durch die Stadt finanzierten Verbilligung von 145 Euro pro verkauftem Billet. Das Naturhistorische Museum Basel mit 97'064 Besuchern (Jahr 2010) erhielt 5'677'500 Euro, d.h. 58 Euro pro Besucher.

Was die Instrumentalisierung und Ausbeutung der Tiere angeht, so ist das etwas was Sie und andere Tierrechtler stört, den Tieren aber egal ist. Wäre ein Fisch intellektuell in der Lage, solche Gedankengänge zu machen, würde er es sicher vorziehen, im Großaquarium von Lachsbrötchen essenden Gala-Dinner-Gästen angestarrt zu werden, als in der Fischmarkthalle auf Eis zu liegen und darauf zu warten, selbst verzehrt zu werden.

9. Sie behaupten die Masse der Zoobesucher lerne nichts über Biologie und Naturschutz, jedenfalls sei dies durch keine belastbare Studie bewiesen.

Damit Ihre Aussage glaubhaft ist, müssten Sie erst mal eine belastbare Studie präsentieren, die belegt, dass die Masse der Besucher nichts lernt. Zweitens müssten Sie begründen, weshalb z.B. die Arbeiten von JENSEN et al. (2017), MOSS et al. (2014), MOSS et al. (2017) und  SMITH et al. (2008), welche einen Lerneffekt nachweisen und die alle in peer-reviewed Journals erschienen sind, nicht belastbar sein sollten. Die von Tierrechtlern zur Stützung der These, dass Zoobesucher nichts lernten, herangezogene Arbeit von JENSEN (2014), hat die Schwäche, dass sie auf einer Untersuchung in einem einzigen Zoo und auf Besuchern einer bestimmten Altersklasse beruht. Abgesehen davon kommt sie zu den Schlüssen: „Forty‐one percent of educator‐guided visits and 34% of unguided visits resulted in conservation biology‐related learning.“ und “Overall, my results show the potential educational value of visiting zoos for children.” Wie Sie sehen, kann man auch diese von GOLDNER gegen Zoos verwendete Arbeit als Argument für die Zoos zitieren.

Wenn Sie schon die Effektivität der Zoos hinsichtlich Umwelterziehung infrage stellen, müssten Sie auch einen Vergleich mit den eigentlichen Naturschutzorganisationen anstellen: Der WWF gibt Jahr für Jahr etwa 650 Millionen EURO aus, einen großen Teil davon, um die Bevölkerung für den Natur- und Umweltschutz zu sensibilisieren. Bei Greenpeace sind es 240 Millionen, die hauptsächlich für publikumswirksamen Aktionismus drauf gehen. Ist die Welt deswegen besser geworden? Verzichten die Leute deswegen auf den Kauf eines SUV? Verzichten sie darauf, mal schnell für ein Wochenende nach New York oder London zu fliegen, um sich ein paar T-Shirts oder Schuhe zu kaufen? Ersetzen sie den Jahresurlaub auf Mallorca durch einen in Oberbayern? Wechseln die Deutschen etwa auf die umweltfreundlichere Bahn anstatt bei zunehmender Tendenz jährlich über 450'000 Stunden im Stau zu stehen? Bauen sie zuhauf die sterilen Gärten ihrer Einfamilienhäuser zu Naturgärten um? Warum hat der Fischverzehr in Deutschland seit den 1980er-Jahren um 30-40% zugenommen? Weshalb produzieren wir mehr Müll als je zuvor? Offensichtlich nützen weder die Aufklärungsarbeit der Umweltschützer noch ihre Apelle irgendwas. Also schaffen wird doch, Ihrer Logik folgend, die Umweltorganisationen ab.

10. Sie werfen den Zoos vor, Käfige und Anlagen im Sinne eines «strategischen Neusprechs» als Zuhause zu bezeichnen.

Tatsache ist, dass Tiere keinen abstrakten Freiheitsbegriff haben. Sie stellen im Sinne der Selbst- und allenfalls der Arterhaltung bestimmte Anforderungen an ihre Umgebung. Sind diese erfüllt, betrachten sie diese Umgebung als ihr Zuhause, ob das nun eine bestimmte Fläche im Wald, ein Mammutbaum in der Savanne, eine Felswand im Gebirge, oder eben ein Gehege im Zoo sei. Dabei handelt es sich nicht um einen «Neusprech», sondern um eine Erkenntnis aus der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts, nach der Tiere im Zoo nicht Gefangene, sondern Grundbesitzer sind [HEDIGER, 1942].

11. Sie behaupten, dass wissenschaftliche Leitung die Einstufung der Zoos als nicht-kommerziell erlaube, was ihnen ermögliche, Tiere der «Roten CITES-Liste» zu erwerben.

Das ist völlig daneben und belegt, dass Sie keine Ahnung von den CITES-Mechanismen haben. Eine „Rote CITES Liste" gibt es nicht. Wildfänge des CITES-Anhangs I dürfen nach Artikel III nur für primär kommerzielle Zwecke nicht eingeführt werden, was jedem Zoo die Einfuhr erlaubt, der sich im Besitz der Öffentlichen Hand befindet oder als gGmbH, gemeinnützige AG, Stiftung oder Verein betrieben wird. Wissenschaftliche Zwecke sind für die Einstufung als "nicht-kommerziell" nicht erforderlich und mit der Art der Leitung hat dies erst recht nichts zu tun.

Im Übrigen ist für eine Mitgliedschaft im Verband der Zoologischen Gärten (VdZ), der nur wissenschaftlich geleitete Zoos vereinigt, nicht primär die akademische Qualifikation des Zoodirektors ausschlaggebend, sondern ein sechsseitiger Anforderungskatalog mit 50 Kriterien.

12. Sie behaupten, dass Forschung im Zoo ausschließlich der Selbsterhaltung der Zoos dienten und übergreifende Strategien für Grundlagenforschung fehlten.

Dass Zoos sich um neue Erkenntnisse zur Verbesserung der Tierhaltung bemühen, ist nicht nur eine Forderung von Tierschutzorganisationen, sondern auch des Staates. Dass dies aber der einzige Aspekt der zoogestützten Forschung sei, ist falsch und leicht anhand zahlreicher Arbeiten, die sich nicht auf die Haltung beziehen, zu widerlegen. Ihre Behauptung, es gäbe keine übergreifende Strategie ist ein weiterer Beweis für Ihre schlampige Recherche: Bereits 2008 veröffentlichte EAZA ihre Research Strategy, und in der Welt-Zoo-Naturschutzstrategie von 2005 ist der Forschung ein eigenes Kapitel gewidmet, das auch eine breitgefächerte Liste der möglichen Forschungsfelder enthält.

13. Sie behaupten, man könne die Zahl der weltweit an Zoos angesiedelten und von diesen finanzierten Forschungsgruppen an einer Hand abzählen.

Hätten Sie sich die Mühe genommen, bei GOOGLE «zoo+research+department» einzugeben, hätten Sie in 0.6 Sekunden 41'000 Ergebnisse auf dem Tisch gehabt. Bei Durchsehen der ersten vier Seiten wären sie schon auf rund 20 Zoos gestoßen, die über ein «research» oder «science» Department verfügen. So viele Finger haben nicht einmal Sie.

Grundsätzlich ist Forschung keine zwingende Aufgabe der Zoos, sondern wird sowohl in der EU-Zoo-Richtlinie als auch in den nationalen Ausführungsgesetzen als Option aufgeführt. Faktisch beanspruchen von den über 1'000 Zoos im deutschsprachigen Raum lediglich rund 70, Forschung zu betreiben oder zu fördern. Bei den übrigen 93 %, die nicht damit argumentieren, stößt ihre Kritik, Forschung sei ein Nebenprodukt oder werde als Feigenblatt verwendet, ins Leere. Dass die rund 70 VdZ-Zoos nicht mehr Geld in Forschung investieren, ist nachvollziehbar, wenn man berücksichtigt, dass sie dafür keinen müden Cent von der Öffentlichen Hand erhalten, und ist leicht zu kritisieren, wenn man, wie Sie, bei einer Institution angestellt ist, welcher der Staat jährlich Forschungsmittel in dreistelliger Millionenhöhe hinterher wirft.

14. Sie stellen fest, zahlreiche Arten, für die es Erhaltungszuchtprogramme gebe, seien weder gefährdet noch würden Tiere aus diesen Programmen je ausgesiedelt. Profiteure dieser Zuchten seien also die Zoos selbst.

Tatsache ist, dass Zoos sich auch um die langfristige Haltung und Zucht von Arten bemühen, die nicht gefährdet sind. Aber sie vergessen, dass die Zoos auch andere Aufgaben haben, zu deren Erfüllung sie aus ihrer Sicht Tiere benötigen, weil sie - im Gegensatz zu Tierrechtlern - nicht davon ausgehen, dass die gleiche Wirkung mit Computer-Animationen erreicht werden kann. Die Zoos in diesem Zusammenhang als «Profiteure» zu bezeichnen, impliziert, dass sie Profit machen. Dies ist aber in aller Regel nicht der Fall. Von wenigen Ausnahmen abgesehen sind Zoos «not for profit»-Institutionen.

15. Sie verweisen darauf, dass der finanzielle Beitrag der Zoos an den in situ-Naturschutz minimal sei.

Vorab ist festzustellen, dass es unwissenschaftlich ist, anhand eines einzelnen, staatlichen Zoos in einem betont sparsamen Bundesland auf die Zoogemeinschaft insgesamt zu schließen. Gemäß WAZA unterstützen deren Mitglieder in situ-Projekte jährlich mit über 300 Millionen Franken. Damit ist das Zoo-Kollektiv hinter dem WWF und «Conservation International» die drittgrösste Naturschutz-Organisation der Welt. Im Weiteren bemühen sich die Zoos in den letzten Jahren, ihre finanziellen Beiträge an den in situ-Naturschutz zu erhöhen, etwa indem sie eine Naturschutzabgabe auf verkaufte Tickets einführen. So schlägt z.B. der Zoo Augsburg seit 2009 auf jedes Ticket 10 Naturschutz-Cents drauf, der Zoo Karlsruhe seit dem 1. Januar 2019 einen Euro. Im Zoo Basel, der das System seit 2016 kennt, kamen allein im Jahr 2017 346‘000.- CHF zusammen, beinahe so viel, wie die von Ihnen zitierte Wilhelma in 23 Jahren für in situ-Projekte ausgegeben hat. Abgesehen davon sind pekuniäre Beiträge nur ein Teil der Leistungen der Zoos. Diese helfen auch  mit Know-How, Manpower, Wissenstransfer, PR und Infrastrukur, was sich schlecht auf Heller und Pfennig berechnen lässt.

16. Tierschutzaspekte

Es ist symptomatisch, dass von Tierrechtlern in diesem Zusammenhang immer Rainer Maria Rilkes Gedicht "Der Panther" zitiert wird. Das Gedicht wurde 1902 geschrieben, als Kaiser Wilhelm noch über das Deutsche Reich herrschte. Es beschreibt das Verhalten eines Leoparden in einem vor 200 Jahren (1817-1821) erbauten und 1936, also vor über 80 Jahre abgerissenen Raubtierhaus. Zu behaupten, in den letzten 80 Jahren hätte es keine Verbesserung der Tierhaltung gegeben, ist entweder dumm oder böswillig.

Ihre Behauptungen, Zoos wirkten lebensverkürzend, Tiere würden zwangsläufig Stereotypien entwickeln, der ihnen im Vergleich zu den natürlichen Streifgebieten zur Verfügung stehende limitierte Lebensraum sei ein Problem etc. mögen in manchen Fällen zutreffen, können aber sicher nicht verallgemeinert werden. Insbesondere ist die Zeitachse zu berücksichtigen, denn eine Tierhaltung im Jahr 1900 ist kaum mit der Situation im Jahr 2000 vergleichbar. So ist es z.B. unzulässig, Höchstalter in der Natur mit Durchschnittsaltern im Zoo zu vergleichen. Eine ungestörte Elefantenpopulation in der ost- oder südafrikanischen Savanne wächst jährlich um etwa 6%. Sobald die tragbare Dichte erreicht ist, müssen zwangsläufig auch 6% der Tiere pro Jahr sterben, was dann noch ein mittleres Alter von etwa 15 Jahren ergibt. Damit werden die von Ihnen zitierten ausnahmsweise erreichten 56 Jahre für Afrikanische Elefantenkühe irrelevant und die Bilanz geht zu Gunsten der Zoos aus. Ihr Vergleich zwischen Asiatischen Elefanten in Holzfällercamps und Nachzuchttieren in Europa hinkt insofern, als die allermeisten Elefantengeburten in Europa innerhalb der letzten 20 Jahre stattgefunden haben und somit das Durchschnittsalter der zoogeborenen Elefanten zwangsläufig unter 20 Jahren liegen muss. 2018 starben in Deutschen Zoos 5 Wildfangkühe. Diese hatten ein Durchschnittsalter von 51 Jahren - 9 Jahre mehr als die Holzfäller-Elefanten. Wie bei vielen anderen Arten ist mittlerweile die Lebenserwartung von Menschenaffen und sogar von Großen Tümmler in den viel geschmähten Delfinarien höher als in der Natur.

Landbesitz ist für Tiere, im Gegensatz zum Menschen, kein an sich erstrebenswertes Ziel. Ein Streifgebiet muss ausreichend Nahrung und die für den Selbst- und Arterhalt notwendige Infrastruktur bieten und nicht mehr. Seine Größe ist deshalb als Funktion der Umweltbedingungen für ein und dieselbe Art sehr variabel. Ein Luchs in den Schweizerischen Westalpen benötigt etwa 80 km², damit er seine 50-70 Rehe oder Gemsen pro Jahr schlagen kann. Ein Luchs, der in ein zuvor luchsfreies Gebiet im Kanton Wallis kam, wo ein Wildhüter eine Rehwildfütterung eingerichtet hatte, reduzierte seinen Aktionsradius auf wenige hundert Meter, solange er jede Woche einmal vom Baum herabsteigen und in der unmittelbaren Umgebung der Fütterung ein Reh schlagen konnte. Entsprechendes ist von Wolfsrudeln in Kanada bekannt, die sich von recht stationär lebenden Waldbisons ernähren. Im Zoo, wo das Futter bereitgestellt wird, kann ein Gehege noch sehr viel kleiner sein, ohne dass dies ein Problem darstellen muss.

17. Zur Zukunft der Zoos

Ihre Vorstellungen zum Umbau von Zoos sind nicht von dieser Welt, sicher solange nicht, als die Öffentliche Hand nicht bereit ist, Zoos im gleichen Umfang zu subventionieren wie Museen oder städtische Theater, und solange Tierrechtler sich zwar gebärden, wie wenn sie die Mitte der Gesellschaft darstellten, tatsächlich aber nur eine Randgruppe sind. Ihre Idee, die Zoos zu schließen und die Sammlungen auf weitläufigen Inseln etc. zusammenzuführen ist unrealistisch. Wo finden Sie eine unbewohnte und faunenfreie Insel, auf der Sie nur schon mal die 1'600 im Internationalen Zuchtbuch erfassten Tiger unter Bedingungen unterbringen können, die  besser sind, als im Zoo, und woher nehmen Sie die Millionen, um die individuellen Gehege für diese solitär lebenden Tiere zu finanzieren? Denn wenn sie die Tiere ohne bauliche Maßnahmen einfach auf Ihrer Insel laufen ließen, wäre das Ergebnis Mord und Totschlag in großem Stil. Woher käme das Geld, um die Tiger mit 2.5 Millionen Kilo Fleisch im Jahr zu versorgen? Und das ist erst eine Tierart von ein paar tausend, die Sie umsiedeln wollen. Die von Ihnen als Beispiel herangezogene Umwandlung des Zoos von Buenos Aires scheint sich langsam aber sicher zur Katastrophe auszuwachsen. Es konnten erst wenige Tiere anderweitig platziert werden und die Mortalität im Bestand hat stark zugenommen. Übrigens, woher wissen Sie überhaupt, dass ein Tier, das im Zoo von zoogeborenen Eltern zur Welt gebracht wurde, sich in einem Schutzzentrum nach Ihren Vorstellungen wohler fühlte, als in seinem angestammten oder einem vergleichbaren Gehege? Auch die Idee eines Biodroms dürfte langfristig nicht funktionieren. Da gehen die Leute einmal hin, dann haben sie es für den Rest ihres Lebens gesehen, weil das Einmalige, der unmittelbare Kontakt zum Tier und die damit verbundenen immer neuen Erlebnisinhalte fehlen. Erich von Däniken hat mit seinem auf diesem Konzept beruhenden Mystery Park in Interlaken nach nur drei Jahren Betrieb grandios Pleite gemacht. Den Zoo Berlin aber gibt es seit 165 Jahren - und er hat, zusammen mit seinem Aquarium, immer noch 3.5 Millionen Besucher pro Jahr...

 

Peter Dollinger

Dr. med. vet.
ehemals

CITES-Delegierter der Schweiz
Executive Director von WAZA
Geschäftsführer des VDZ

© Peter Dollinger, Zoo Office Bern hyperworx