Rinder und Waldböcke

Gaur

Gaurkuh (Bos gaurus) im Zoo Berlin Gaurkuh (Bos gaurus) im Zoo Berlin
© Peter Dollinger, Zoo Office Bern

Überordnung: LAURASIATHERIA
Taxon ohne Rang: CETARTIODACTYLA
Ordnung: Paarzeher (ARTIODACTYLA)
Unterordnung: Wiederkäuer (Ruminantia)
Unterfamilie: Echte Rinder (Bovinae)
Tribus: Rinder i. e. S. (Bovini)

Red list status vulnerable

Gaur

Bos (Bibos) gaurus • The Gaur • Le gaur ou seladang

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Hinterindischer Gaur (Bos gaurus laosiensis) im Zoo Negara, Kuala Lumpur © Peter Dollinger, Zoo Office Bern

 

 

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Approximative Verbreitung des Gaur (Bos gaurus)

 

 

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Gaur-Kalb (Bos g. gaurus) im Zoo Berlin © Zoo Berlin (Pressefoto)

 

 

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Hinterindischer Gaur (Bos g. laosiensis) im Khao Kheow Open Zoo, Chonburi, Thailand © Peter Dollinger, Zoo Office Bern

 

 

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Vorderindischer Gaurbulle (Bos gaurus gaurus) flehmend im Zoo Berlin © Klaus Rudloff, Berlin

 

 

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Vorderindische Gaurkuh (Bos g. gaurus) imTierpark Hellabrunn. Man beachte das Winterfell! © Klaus Rudloff, Berlin

 

 

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Vorderindische Gaurkuh (Bos g. gaurus) im San Diego Zoo Safari Park © Klaus Rudloff, Berlin

 

 

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Hinterindisches Gaur-Paar (Bos gaurus laosiensis) im Taiping Zoo, Malaysia © Peter Dollinger, Zoo Office Bern

 

 

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Hintgerindischer Gaur-Bulle (Bos gaurus laosiensis) im Taiping Zoo, Malaysia © Peter Dollinger, Zoo Office Bern

 

 

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Hintgerindisches Gaur-Kuh (Bos gaurus laosiensis) im Taiping Zoo, Malaysia © Peter Dollinger, Zoo Office Bern

 

 

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Vorderindischer Gaur-Bulle (Bos g. gaurus) im Whipsnade Wild Animal Park © Klaus Rudloff, Berlin

 

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Der in seiner Heimat gefährdete und in vielen Gebieten bereits ausgerottete Gaur ist nebst dem Wildyak das größte Wildrind und somit ein imposanter Botschafter für Natur- und Artenschutzanliegen in Süd- und Südostasien. Als Stammform einer Haustierart ist er auch zoopädagogisch interessant. Obwohl seine Haltung durch ein internationales Zuchtbuch und ein europäisches Zuchtprogramm gefördert wird, ist er in unseren Zoos nur selten zu sehen.

Körperbau und Körperfunktionen

Mit einer Kopf-Rumpflänge bis zu 330 cm, einer Schwanzlänge von 80 (70-105) cm, einer Schulterhöhe von 165-213, gelegentlich bis zu 220 cm und einem Gewicht von bis zu einer Tonne ist der Gaurbulle eine imposante Erscheinung und vermutlich das größte Wildrind, wobei die Bullen des Wildyaks in etwa in der gleichen Kategorie spielen. Es besteht ein deutlicher Geschlechtsdimorphismus. Die Bullen haben eine zweiteilige Wamme an Kinn und Hals, einen hohen, durch verlängerte Dornfortsätze der Brustwirbel gestützten Buckel über dem Widerrist und mächtige Muskeln im Schulterbereich. Ihre an der Basis durch einen hohen, wulstartigen Stirnkamm verbundenen Hörner sind bis 115 cm lang und der Abstand zwischen den Hornspitzen kann bis 120 cm betragen. Die Kühe sind deutlich kleiner. Sie haben kleinere Hörner, die Grundfarbe ihres Fells ist dunkelbraun, jene der Bullen schwarzglänzend. Beide Geschlechter haben weiße Stiefel. Ein Spiegel wie beim Banteng ist nicht vorhanden [1; 3; 6].

Verbreitung

Süd- und Südostasien: Bangladesch, Bhutan, Kambodscha, China, Indien, Laos, Malaysia, Myanmar, Nepal, Thailand, Vietnam [2].

Lebensraum und Lebensweise

Der Gaur besiedelt immergrüne, teilweise laubabwerfende und feuchte laubabwerfende Wälder mit offenem Wasser und möglichst geringer Störung durch den Menschen. Die Höhenverbreitung reicht vom Meeresspiegel bis auf 2’800 m, wobei die tieferen Lagen bevorzugt werden. Zum Äsen gehen die Tiere auch auf Kaffeeplantagen, Agrarland und in Forste. Gaure sind sowohl Gras- als auch Laubäser. Junges Gras wird am meisten gefressen, daneben werden Bambus-Schoße, Blätter, Früchte, Zweige, Baumrinde und Getreide genommen. Die Tiere gehen täglich zur Tränke [2].

Das Aktivitätsmuster des Gaurs ist polyphasisch. Die Tiere ruhen tagsüber viel und haben abends bis spät in die Nacht eine ausgedehnte Fressperiode. Sie bilden nicht sehr stabile Gruppen aus mehreren Kühen mit ihren Kälbern, denen sich oft ein oder mehrere subadulte oder adulte Bullen anschließen. Den größeren Teil des Jahres leben die Bullen aber getrennt in Junggesellen-Verbänden oder einzeln. Für kurze Zeit können sich mehrere Gruppen zu größeren Herden zusammenschließen [3; 6].

Es gibt keine fixe oder dann regional unterschiedliche Fortpflanzungszeiten. Nach einer Tragzeit von 270-280 Tagen kommt in der Regel ein einzelnes, hellbraun gefärbtes Kalb zur Welt. Die Kälber schließen sich in der Herde zu Kindergärten zusammen, die stets von verteidungsbereiten Kühen umgeben sind. Sie werden bis zum 8. oder 9. Monat gesäugt und werden im 2. bis 3. Lebensjahr geschlechtsreif [3; 4; 5].

Gefährdung und Schutz

Die Bestände des Gaur sind in den letzten Jahrzehnten stark zurückgegangen. Gründe dafür sind eine Übernutzung durch die Jagd, Lebensraumzerstörung, Konkurrenz um Futter und Übertragung von Krankheiten von domestizierten Rindern. Die Art wurde deshalb aufgrund einer Beurteilung aus dem Jahr 2016 als gefährdet eingestuft (Rote Liste: VULNERABLE) [2].

Der internationale Handel ist durch CITES-Anhang I eingeschränkt. Die Einfuhr lebender Exemplare aus den Ursprungsländern ist zudem wegen der restriktiven Veterinärbestimmungen der EU so gut wie ausgeschlossen.

Bedeutung für den Menschen

Der Gaur wird - oft illegal und auch in Schutzgebieten - zur Gewinnung von Fleisch sowie von Körperteilen zur Verwendung in der traditionellen orientalischen Medizin oder zur Herstellung von kunstgewerblichen Erzeugnissen gejagt. Gaure wurden vor längerer Zeit als Jagdwild in der Ostkap-Provinz Südafrikas angesiedelt. Die domestizierte Form, der Gayal, wird wegen seiner Trophäen auf texanischen Jagdfarmen gehalten, wo eine Abschussgebühr von ca. 10'000 USD berechnet wird [2; Online Inserate 2019].

Haltung

Im Zoo Dortmund weren die Gaure gemeinsam mit Malaienhühnern gehalten.

Es besteht ein Internationales Zuchtbuch, das am Zoo Berlin geführt wird. Dieses umfasst 335 lebende Individuen in 47 Einrichtungen [IZY 52, Daten bis Dezember 2016].

Das von WEIGL angegebenen Höchstalter im Zoo liegt bei 26 Jahren und 2 Monaten, erreicht von einem im Zoo Berlin geborenen und später in Amsterdam gehaltenen weiblichen Tier [5].

Haltung in europäischen Zoos: Die Nominatform der Art wird in rund einem Dutzend Zoos gehalten, von denen sich ein paar im deutschsprachigen Raum befinden. Der Hinterindische Gaur ist seit mehr als einem halben Jahrhundert in Europa nicht mehr anzutreffen. Für Details siehe Zootierliste.

Die europäische Erstzucht gelang im Jahr 1909 dem Zoo Berlin. Es gibt ein Europäisches Zuchtprogramm (EEP), das von der Ménagerie im Jardin des Plantes, Paris, koordiniert wird.

Mindestanforderungen an Gehege: Nach Säugetiergutachten 2014 des BMEL soll für bis zu 5 Tieren ein Gehege von mindestens 400 m² zur Verfügung stehen, für jedes weitere Tier 30 m² zusätzlich. Stallfläche 6 m²/Tier.

Das Säugetiergutachten gibt vor, dass für tropische Rinderarten die Stalltemperatur mindestens 18°C betragen muss. Dies wäre auf den Gaur anwendbar. Rinderställe werden aber in der Regel ohne Schaden für die Tiere nicht beheizt, es sei denn es würden darin auch kleinere Tiere, wie Antilopen, gehalten. Die vom Gutachten für Einzelboxen vorgegebenen 6 m² sind für Gaure zu knapp bemessen, für Kühe mit Kalb sollte man nicht unter 8 m², für Bullen nicht unter 10 m² gehen.

Die Schweizerische Tierschutzverordnung (Stand 2019) schreibt für bis zu 5 Tieren ein Gehege vor, dessen Grundfläche 500 m² misst. Für jedes weitere Tier kommen 80 m² zur Basisflächen dazu. In der Stallung ist für jedes Tier 8 m² anzubieten.

Nach der 2. Tierhaltungsverordnung Österreichs (Stand 2019) sind für 1-5 Tiere 800 m² erforderlich, für jedes weitere 80 m² mehr, ferner eine Stallfläche von 10 m²/Tier. Die Stalltemperatur muss mindestens 18ºC betragen. Die Tiere sind paarweise, in Familiengruppen oder Herden zu halten.

Taxonomie und Nomenklatur

Der Gaur wurde 1827 von dem englischen Oberstleutnant Charles Hamilton SMITH, einem wissenschaftlichen Illustrator und autodidaktischen Naturforscher, unter seinem heute noch gültigen Namen erstmals wissenschaftlich beschrieben. Es werden zwei Unterarten unterschieden: der Vorderindische (Bos g. gaurus) und der Hinterindische Gaur (Bos g. laosiensis = hubbacki). Der Gaur gilt als Stammform des Gayals. Er wird bisweilen zusammen mit dem Banteng in der Untergattung Bibos zusammengefasst [2; 3; 7].

Literatur und Internetquellen

  1. CASTELLÓ, J. R. (2016)
  2. DUCKWORTH, J.W. et al. (2016). Bos gaurus. The IUCN Red List of Threatened Species 2016: e.T2891A46363646. http://www.iucnredlist.org/details/2891/0. Downloaded on 11 June 2018.
  3. GRZIMEK, B. (Hrsg. 1970)
  4. PUSCHMANN, W., ZSCHEILE, D., & ZSCHEILE, K. (2009)
  5. WEIGL, R. (2005)
  6. WILSON, D. E. et al. eds. (2009-)

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Gelesen 2114 mal Letzte Änderung am Mittwoch, 04 März 2020 15:50
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