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TAÏS, E.N. (1982)

Untersuchungen von Verhaltensanomalien bei Tieflandgorillas (Gorilla gorilla gorilla, Savage und Wyman) in zoologischen Gärten und deren Beeinflußbarkeit durch Haltungsbedingungen.

Dr. med. vet. Dissertation

149 Seiten.

Freie Universität Berlin, Fachbereich Biologie
Zoo Berlin, Wilhelma Stuttgart, Zoo Frankfurt, Zoo Apenheul, San Diego Zoo

Zusammenfassung:

In fünf zoologischen Gärten (Berlin, Stuttgart, Frankfurt, Apenheul und San Diego) wurden an 35 Tieflandgorillas Verhaltensbeobachtungen durchgeführt. Dabei wurden insbesindere Verhaltensweisen beobachtet, die im Freiland nicht oder selten auftreten. Darunter fallen:
1. das Regurgitieren von Nahrung
2. Stereotypien
3. Koprophagie und die Manipulation von Kot
4. Automutilation
5. Trichotillomanie

Diese Verhaltensanomalien wurden erstmals ausführlich qualitativ und quantitativ beschrieben undVergleiche zwischen den Individuen der verschiedenen Gruppen angestellt.
An der Berliner Gorillagruppe wurden Versuche durchgeführt, mit dem Ziel, Zusammenhänge zwischen haltungsbedingungen und abnormen Verhaltensweisen zu erforschen. Dazu wurden diese über eine kontrollierte Periode definiert variiert und in Beziehung gesetzt zu der Häufigkeit des Auftretens von abnormen Verhaltensweisen. es zeigte sich, dass alle Verhaltensanomalien durch Haltungsänderungen zu beeinflussen sind, insbesondere aber das Regurgietieren der Nahrung abhängig von der Art des angebotenen Futters ist.
Die Ergebnisse der Versuchsreihen in Berlin, eine chemische analyse des Regurgitierten sowie der Vergleich der Beobachtungen an den übrigen Gruppen führten zu folgenden Schlussfolgerungen: dem Regurgietieren der Nahrung liegt eine Motilitätsstörung im kaudalen Teil des Oesophagus zugrunde, die durch lokale Dehnung (Ballaststoffe) annähernd normalisiert werden kann. Durch diese Störung in der Peristaltik erreicht das Futter den Magen nicht und wird wiederholt regurgietiert. Ausgelöst wird diese Störung durch psychische Faktoren. Der Koprophagie liegen Verdauungsstörungen zugrunde, die abhängig von der Aufarbetung und Art der angebotenen Kost (feuchtes Laub, Pellets) ist. Die Ursachen dafür werden in einer unvollständigen Verdauung und dem Fehlen von Ballaststoffen gesehen; dies, sowie wechselseitige Beziehungen zwischen der Kophrophagie und dem Regurgitieren von Nahrung, werden diskutiert.

Neben den haltungsbedingungen wird auch auf die psychischen Ursachen eingegangen, die als Auslösefaktoren für Verhaltensanomalien in Frage kommen, wobei bei einigen Individuen deren persönliche Geschichte (isolierte oder paarweise Aufzucht, Hand oder Mutteraufzucht) und Stellung in der Gruppe in Beziehung zu abnormen Verhaltensweisen gesetzt wird. In diesem Zusammenhang wwerden die Trichotillomanie und Automutilation beschieben, bei denen es sich um reine psychische Störu8ngen handelt, die sich zwar in ihrer Häufigkeit beeinflussbar zeigten, die aber lediglich Sekundäreffekte darstelle, da das Regurgitieren von Nahrung auch das übrige Verhalten stark mitbeeinflusst.
Einige Beobachtungen, wie soziales Spiel, Dominanzverhalten, Gruppenzusammensetzung, werden mit Freilandbeobachtungen verglichen und Gemeinsamkeiten sowie Unterschiede herausgestellt.
Da keine zusammenfassenden Untersuchungen über Verhaltensanomalien bei Menschenaffen vorliegen, und um einen Überblick über die Verhaltensstörungen Vomitus, Koprophagie und Stereotypien einer möglichst grossen Individuenanzahl zu erhalten, wurden weltweit Fragebögen verschickt. Die Daten zeigten, dass Gorillas besonders häufig unter Vomitus und Koprophagie leiden, während Stereotypien einen weitaus geringeren Teil einnehmen. Vergleiche mit Schimpansen und Orang-Utans ergaben, dass bei den Erstgenannten ebenfalls vomitus und Koprophagie die häufigsten Verhaltensanomalien darstellen, während Stereotypien bei dieser Art selten anzutreffen sind. Orang-Utans zeigen sich generell weniger geschädigt als die übrigen Menschenaffenarten, webie all drei erfragten Verhaltensstörungen gleich häufig auftreten. Ferner wurde eine Altersabhängigkeit der abnormen Verhaltensweisen bei allen Arten nachgewiesen, mit einem starken Anstieg ab dem siebenten Lebensjahr. Auf die Ursachen dafür wird näher eingegangen . Abhängigkeiten der Verhaltensanomalien von der Aufzucht (Wildfang, Hand- oder Mutteraufzucht) konnten mit wenigen Ausnahmen nciht festgestellt werden. Die Gründe dafür werden in dem Ineinandergreifen von sowohl psychischen Faktoren als auch Haltungsbedingungen  gesehen und diskutiert. Die Ursachen und das Erscheinungsbild der beobachteten Verhaltensanomalien bei Gorillas werden mit denen beim Menschen verglichen.
Vorschläge für eineverbesserte Menschenaffenhaltung werden an Hand der Vergleich der Haltungsbedingungen (Futter, Freianlage, Abwechslung im  Tagesablauf, Manipulanda, Pfleger) zwischen den fünf zoologischen Gärten und der Versuchsreihen an der Berliner Gorillagruppe unterbreitet.

 

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© Peter Dollinger, Zoo Office Bern hyperworx