Kranichvögel

Blässhuhn, Blesshuhn

Blässhuhn (Fulica atra) im Zoo Berlin Basel Blässhuhn (Fulica atra) im Zoo Berlin Basel
© Klaus Rudloff, Berlin

Ordnung: Kranichvögel (GRUIFORMES)
Unterordnung: Kranichverwandte (GRUES)
Familie: Rallen (Rallidae)

D LC 650

Blässhuhn, Blesshuhn, Bläss- oder Blessralle

Fulica atra • The Coot • La foulque macroule

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Blässhuhn (Fulica atra) mit Küken auf dem Nest im Natur- und Tierpark Goldau © NTP Goldau

 

 

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Approximatives Brutareal des Blässhuhn (Fulica atra)

 

 

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Blässhuhn (Fulica atra), wild auf dem Bielersee © Peter Dollinger, Zoo Office Bern

 

 

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Blässhuhn (Fulica atra), wild, brütend auf dem Wohlensee © Peter Dollinger, Zoo Office Bern

 

 

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Blässhuhnküken (Fulica atra), wild, auf dem Wohlensee © Peter Dollinger, Zoo Office Bern

 

 

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Wasservogeljäger am Bodensee, im Boot Lockenten. Bild: Museum Ermatingen

 

 

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Blässhuhnabschüsse im Kanton Thurgau (Bodensee) von 1969-2013

 

 

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Artikel von Fischer-Sigwart im Ornithologischen Beobachter 1915 zum "Massenmord" an Vögeln auf dem Bodensee

 

 

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Briefmarke mit Blässhuhnküken-Motiv (Fulica atra); Deutsche Bundespost

 

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Das auch Blessralle genannte Bless- oder Blässhuhn* ist einer unserer häufigsten Wasservögel. Es wird nicht häufig gehalten, zumal es hinsichtlich Vegetation ziemlich destruktiv und gegenüber Mitbewohnern zänkisch ist, wird aber oft als Freiflieger in Zoos mit größeren Teichanlagen angetroffen.

Körperbau und Körperfunktionen

Das Blesshuhn erreicht eine Gesamtlänge von 36-38(-39) cm, eine Flügelspannweite von 70-80 cm (bei der Unterart australis kürzer) und ein Gewicht von 800 (500-1'200) g. Als einzige einheimische Rallenart hat es an den Zehen Schwimmlappen ausgebildet. Es hat eine weiße Stirnplatte und einen weißen Schnabel. Die Beine sind graugrün. Das Gefieder von Kopf und Hals ist schwarz, das übrige Gefieder schiefergrau [3; 5; 8; 10].

Verbreitung

Europa:  Albanien, Armenien, Aserbaidschan, Belgien, Bosnien und Herzegowina, Bulgarien, Dänemark, Deutschland, Estland, Färöer, Finnland, Frankeich, Georgien, Griechenland, Großbritannien und Nordirland, Irland, Island, Italien, Kroatien, Lettland, Liechtenstein, Litauen, Luxemburg, Malta, Moldawien, Montenegro, Niederlande, Nord-Mazedonien, Norwegen, Österreich, Polen, Portugal, Rumänien, Russland, Serbien, Schweden, Schweiz, Slowakei, Slowenien, Spanien, Tschechische Republik, Türkei, Ukraine, Ungarn, Weißrussland, Zypern.
Asien:  Afghanistan, Bahrain, Bangladesch, Bhutan, China, Hong Kong, Indien, Indonesien, Irak, Iran, Israel, Japan, Jemen, Jordan, Kambodscha, Kasachstan, Katar, Korea DPR, Korea Rep., Kuwait, Kirgistan, Laos, Libanon, Malaysia, Mongolei, Myanmar, Nepal, Oman, Pakistan, Palästina, Philippinen, Saudi Arabien, Singapur, Sri Lanka, Syrien, Tadschikistan, Taiwan, Thailand, Timor-Leste, Turkmenistan, Usbekistan, Vereinigte Arabische Emirate, Vietnam.

Afrika:  Ägypten, Algerien, Äthiopien, Burkina Faso, Libyen, Mali, Marokko, Mauretanien, Niger, Nigeria, Senegal, Sudan, Tschad, Tunesien, West-Sahara.
Ozeanien:  Australien, Neuseeland, Nördliche Marianen [1].

Lebensraum und Lebensweise

In Mitteleuropa zählt das Blesshuhn zu den häufigsten Wasservögeln. Es ist von allen Rallen am stärksten an offene Wasserflächen gebunden und ist selbst in der Mitte größerer Seen anzutreffen. Es fliegt nur ungern und muss etwa 20 m Anlauf nehmen, bis es abheben kann. Bei Gefahr läuft es daher meist flügelschlagend übers Wasser, um das schützende Röhricht zu erreichen [10].

Das Blesshuhn ist ein Allesfresser, wobei Pflanzenmaterial während des Sommers den überwiegenden Teil seiner Nahrung ausmacht. Im Winter können Wandermuscheln (Dreissena polymorpha) eine wichtige Nahrungsbasis sein. Die Futtersuche erfolgt schwimmend, tauchend bis 8 Meter Tiefe sowie an Land. Das im Winter sehr gesellige Blesshuhn wird während der Brutzeit territorial und sehr aggressiv, auch gegenüber artfremden Schwimmvögeln. Hinsichtlich der Wahl seiner Nistorte ist es wenig wählerisch, bevorzugt aber Flachwasserbereiche mit Schilf oder anderer Vegetation. Am Nestbau und der Brut beteiligen sich beide Eltern. Das Gelege besteht meist aus 6-9, 52x35 mm großen Eiern, die ab dem ersten Ei 23-24 Tage bebrütet werden. Die Dunenjungen sind schwarz mit leuchtend rot und gelbem Kopf und Schnabel [6; 8; 10].

Gefährdung und Schutz

Das Blesshuhn hat ein extrem großes Verbreitungsgebiet und einen Bestand, der auf 7.95 bis 9.75 Millionen Individuen geschätzt wird. Es gilt daher nicht als gefährdet. Die europäische Population mit immerhin rund 1.2 Millionen Brutpaaren wurde dagegen 2015 als potenziell gefährdet eingestuft (Rote Liste: LEAST CONCERN; NEAR THREATENED) [1].

Der internationale Handel ist nach CITES nicht geregelt. Art fällt unter Anhang 3 der Berner Konvention über die Erhaltung der europäischen wildlebenden Pflanzen und Tiere und ihrer natürlichen Lebensräume, Anhang II(A) der Vogelschutz-Richtlinie der EU. Auf die Bestände rund um das Mittelmeer und das Schwarze Meer sind zudem Anhang 2 der Bonner Konvention über wandernde Tierarten und Anhang 2 des African-European Waterbird Agreements (AEWA) anwendbar.

Situation in Mitteleuropa: BIRDLIFE gibt für Deutschland 450'000, für Österreich 20'000-24'000, für Liechtenstein 1-12 und für die Schweiz 54'677-66'086 Individuen an. Die letztgenannte Zahl dürfte Wintergäste miteinschließen. Für die Schweiz gehen neuere Schätzungen von 5'000-8'000 Brutpaaren aus und im Januar 2020 ergab die Wasservogelzählung 87'526 überwinternde Exemplare [1; 7].

Bedeutung für den Menschen

Blesshühner werden als Sport oder zur Fleischgewinnung gejagt und - laut IUCN - für den internationalen Tierhandel gefangen [1].

Am Bodensee, wo die Blesshühner „Belchen“ genannt werden, gab es eine traditionelle Wasservogeljagd, die im Winter gemeinsam von deutschen und schweizerischen Jägern im Ermatinger Becken betrieben wurde. Diese war ursprünglich durch eine Fischereiordnung des Bischofs von Konstanz von 1774, dann durch einen Staatsvertrag zwischen dem Kanton Thurgau und dem Großherzogtum Baden aus dem Jahr 1854 geregelt. Mit um die 200 Ruderbooten wurde frühmorgens das Jagdgebiet eingekreist und auf ein Zeichen hin begann die „Belchenschlacht“, d.h. die Blesshühner und Enten wurden aus Hunderten von Flinten beschossen, was in Tagesstrecken von einigen Tausend „Belchen“ resultieren konnte. Diese Art der Jagd geriet immer mehr unter Druck, und 1984 wurde sie als Ergebnis einer Volksabstimmung im Kanton Thurgau beendet. 1985 verbot auch Deutschland die Wasservogeljagd im Wollmatinger Ried und im Ermatinger Becken. Seitdem ist der Untersee weitgehend jagdfrei [9]. Gesamtschweizerisch nahmen die Jahrestrecken von 1'081 im Jahr 2001 auf 399 im Jahr 2018 ab [4].

Haltung

Das Höchstalter im Zoo wird mit 19 Jahren angegeben [5].

Haltung in europäischen Zoos: Freifliegende Blesshühner sind in manchen Zoos, die über geeignete Wasserflächen verfügen, als Brutvögel oder Wintergäste anzutreffen. Daneben wird die Art in rund 30 Zoos gezeigt, von denen sich etwa ein Drittel im deutschsprachigen Raum befinden. Für Details siehe Zootierliste.

Mindestanforderungen an Gehege: Mindestanforderungen an Gehege: In Deutschland, Österreich und der Schweiz gibt es keine konkreten Mindestanforderungen an Gehege für Rallen.

Taxonomie und Nomenklatur

Das Blesshuhn wurde 1758 von Carl von LINNÉ unter seinem heute noch gültigen Namen erstmals wissenschaftlich beschrieben. Es werden 4 Unterarten anerkannt [2; 3].

Literatur und Internetquellen

  1. BIRDLIFE INTERNATIONAL (2016). Gallinula chloropus. The IUCN Red List of Threatened Species 2016: e.T62120190A86175318. http://dx.doi.org/10.2305/IUCN.UK.2016-3.RLTS.T62120190A86175318.en und (2015). Gallinula chloropus. The IUCN Red List of Threatened Species 2015: e.T62120190A66697890. Downloaded on 27 September 2019.
  2. DEL HOYO, J., COLLAR, N., CHRISTIE, D.A., ELLIOTT, A. & FISHPOOL L.D.C. (2014)
  3. DEL HOYO, J., ELLIOTT, A. et al. (eds., 1992-2013)
  4. EIDG. JAGDSTATISTIK
  5. GRUMMT, W. & STREHLOW, H. (2009)
  6. GRZIMEK, B. (Hrsg. 1970)
  7. KNAUS, P., SATTLER, T., SCHMID, H., STREBEL, N. & VOLET, B. (2020)
  8. MAUMARY, L. , VALLOTTON, L. & KNAUS P. (2007)
  9. MUSEUM ERMATINGEN
  10. PFORR, M. & LIMBRUNNER, A. (1991)

*Gemäß der ziemlich verunglückten deutscher Rechtschreibreform von 1996 soll die korrekte Schreibweise "Blässhuhn" lauten. Entsprechend den Empfehlungen der Schweizerischen Orthorgraphischen Konferenz (SOK) verwendet das Zootier-Lexikon weiterhin die Schreibweise "Blesshuhn", zumal der Vogel nichts mit "blass" zu tun hat, die weiße Stirnzeichnung bei Pferden oder Hunden als "Blesse" und nicht als "Blässe" bezeichnet wird und auch der "Blessbock" nicht zu "Blässbock" umbenannt wurde.

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Gelesen 916 mal Letzte Änderung am Freitag, 12 Juni 2020 10:35
© Peter Dollinger, Zoo Office Bern hyperworx