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GÜTTNER, C. (2010)

Raumnutzung, Individualdistanz und soziale Interaktionen bei Gehegewechsel und Gruppenvergrößerung bei den Orang-Utans im Tiergarten Schönbrunn.

Removal and introduction: changes in the use of enclosure, in individual distance and social interactions of Orangutans in Vienna zoo.

Diplomarbeit

77 Seiten

Ganzer Text

Universität Wien, Institut für Zoologie
Leitung: Ao. Univ. Prof. Dr. Helmut Kratochvil
Tiergarten Schönbrunn

Zusammenfassung:

Der Grund dieser Arbeit war die Eröffnung der neuen Tiergarten „Orang.erie“ im Mai 2009. Die neue „Orang.erie“ bietet einen ungefähr viermal größeren Lebensraum als bis-her für die Orang-Utans im Tiergarten Schönbrunn. Mit dem Umzug war die Introduktion eines 13-jährigen Weibchens in die ursprüngliche Orang-Utan Gruppe, bestehend aus einem adulten Weibchen und einem adulten Männchen, verbunden. Die Beobachtung begann im April 2009, als die Tiere zu Vergleichszwecken auch in ihrer alten Anlage beo-bachtet wurden. Die Schwerpunkte dieser Arbeit liegen auf der Raumnutzung, der Individualdistanz zwi-schen den Tieren und den sozialen Interaktionen zwischen den Tieren beziehungsweise zwischen Tieren und Besuchern. Die Raumnutzung und Individualdistanz wurden mittels Scan Sampling mit einem Intervall von 2 Minuten erfasst, die Interaktionen mittels Beha-vior Sampling (Naguib, 2006). Für die Individualdistanz wurden Kategorien aus der Dip-lomarbeit von C. Melicharek (2001) übernommen. Die gesamte Beobachtungsphase wurde in fünf Phasen gegliedert. Jede Phase bestand aus 110 Stunden Beobachtung, die sich aus 10 Tagen zu je 11 Stunden zusammensetz-ten. Die Beobachtung des adulten Männchens und adulten Weibchens in der ersten Pha-se fand im alten 261 Quadratmeter großen Gehege statt. Die zweite Phase war die Ein-gewöhnungsphase in der neuen 225 Quadratmeter großen Innenanlage. In dieser Phase fand auch die Introduktion des neuen Weibchens statt. In der dritten Phase fand die weite-re Eingewöhnung des neuen Weibchens, sowie die Eingewöhnung in der neuen 744 Quadratmeter großen Außenanlage statt. Die vierte Phase stellt die abgeschlossene Ein-gewöhnung der Gruppe in der gesamten Anlage dar, in welcher das neue Weibchen auch schon komplett in die Gruppe eingegliedert war. Die fünfte Phase beschreibt die Introduk-tion eines weiteren neuen adulten Weibchens in die Gruppe in der neuen Innenanlage. Die Individualdistanz nahm in der neuen Anlage zu. Die Individualdistanz über vier Meter war zwischen dem Männchen und dem Weibchen signifikant öfter vorhanden als im alten Gehege. Die neue Anlage bietet den Tieren viel mehr Platz, durch den sich die Tiere je-derzeit aus dem Weg gehen können. Orang-Utans leben in freier Wildbahn in überlap-penden, aber eigenen Territorien (MacKinnon, 1974).

Nach McNulty (2002) fördern traditionelle Gehegevorrichtungen wie die alte Anlage im Tiergarten Schönbrunn soziales Verhalten, während Anlagen, welche möglichst naturnah gestaltet sind und den Orang-Utans genügend Möglichkeiten zur Beschäftigung, etwa mit Manipulationsobjekten, bieten und eher das Solitärverhalten begünstigen, das bei Indivi-duen in freier Wildbahn beobachtet werden kann und somit dem natürlichen Verhalten 73
dieser Art entspricht. Bei der Haltung von Orang-Utans in zoologischen Gärten muss auch ihre natürliche Lebensweise bedacht werden. Vor allem adulten Tieren muss genügend Raum zur Verfügung gestellt werden, damit sie sich bei Bedarf zurückziehen und von Art-genossen separieren können (Mallinson & Carroll, 1995). Weibchen in menschlicher Obhut sind im Allgemeinen eher scheu und ängstlich gegenü-ber großen Männchen, wenn sie einander vorgestellt werden (MacKinnon, 1974). Dies traf bei der Introduktion beider Weibchen zu. Sie meiden das Männchen und wehren manch-mal Versuche des Männchens ab, sich zu nähern, sie zu untersuchen oder mit ihr zu spie-len. Schrittweise verlieren sie ihre Angst vor dem Männchen (MacKinnon, 1974). Das war gut bei dem ersten introduzierten Weibchen zu erkennen. Bei ihr reduzierte sich im Laufe der Beobachtungszeit die maximale Individualdistanz. Das Beobachten der Tiere von Besuchern direkt an den das Gehege begrenzenden Strukturen, wurde in der Beobachtung als Besucherkontakt gewertet. Dieser stieg bei bei-den Tieren in der neuen Anlage an. In der neuen Anlage lief dieser Kontakt jedoch freiwil-liger als in der alten Anlage ab. In der neuen Anlage haben die Tiere die Möglichkeit, sich jederzeit der Beobachtung des Besuchers zu entziehen. Privatsphäre ist ein bedeutsames Element für das psychologische Wohlbefinden von Orang-Utans (Heber & Bard, 2000) und dieses ist mit der neuen Tiergarten „Orang.erie“ erfüllt worden. Beim Männchen fiel dieser Besucherkontakt nach den Eingewöhnungsphasen auch wieder stark ab. Bei bei-den Weibchen hingegen stieg der Kontakt von Phase zu Phase. Das Männchen verbrachte sowohl in der alten als auch in der neuen Anlage signifikant mehr Zeit am Boden als im vertikalen Raum, was aber auch darauf zurückzuführen ist, dass Männchen sich auch in freier Wildbahn häufiger und länger als adulte Weibchen am Boden aufhalten (Rodman & Mitani, 1987). Allgemein legen Orang-Utans in Gefangenschaft vermehrt Strecken am Boden zurück, auch wenn das Gehege vielfältige Klettermöglichkeiten bietet (Forthman et al., 1993). An den Menschen gebundene Tiere halten sich bevorzugt am Boden beziehungsweise in geringen Höhen auf und sie bauen selten Nester (Riedler, Millesi und Pratje, 2010).

Im Zoo lassen sich Orang-Utans komplikationslos in Gruppen halten. Die Tiere dulden sich nicht nur, sie beschäftigen sich auch miteinander. Ihr soziales Potential schöpfen sie durch die unbegrenzten Nahrungsquellen und das Fehlen sozialhemmender Umweltfakto-ren mehr aus. Jedoch fehlen den Orang-Utans Verhaltensformen, die die Gruppenbin-dung vertiefen (Schröpel, 1990). Einige Interaktionen konnten in der Gruppe beobachtet werden, wie unter anderem „Allogrooming“, Spielkämpfe und Sexualverhalten. Diese 74 Interaktionen wurden in dieser Arbeit aufgrund mangelnder Stichproben deskriptiv be-schrieben. Zusammenfassend kann man sagen, dass die Tiergarten „Orang.erie“ ein großer Erfolg, in Hinsicht artgerechter Haltung und Lebensraumbereicherung, für die Orang-Utans ist.

Abstract:

This thesis investigates the removal of the orangutans of the Vienna Zoo – a male and a female – into a newly built enclosure in May 2009. In addition the thesis analyses the be-havior of the two orangutans towards two newly introduced females. The observation started in April 2009 in the old orangutan enclosure in order to compare the previous situ-ation of the animals with the new one starting in May. The use of the enclosure and the individual distance between the animals were examined by Scan Sampling while the inte-ractions, such as the contact of the animals with the visitors, were recorded by Behavior Sampling. The observation period was divided into five phases and each phase consisted of 110 hours. After evaluating the collected data different conclusions can be drawn, inter alia the individual distance between the animals increased due to larger availability of space which corresponds more to their natural behavior in the wild. The contact of the male orangutan with the visitors first increased after moving to the new enclosure but de-creased again in the third phase of the observation while the females’ interest in and con-tact to the visitors has increased from one phase to the other. The animals have the pos-sibility to get in closer contact to the visitors; however, they can retreat to areas out of the visitors’ sight.

 

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© Peter Dollinger, Zoo Office Bern hyperworx