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VERFUß, U. K. (1996) [VERFUSS]

Das Jagd- und Echoortungsverhalten eines Amazonasflußdelphins (Inia geoffrensis) in Gefangenschaft.

Diplomarbeit

80 Seite

Fakultät für Biologie, Universität Tübingen
Leitung: Prof. Dr. Hans-Ulrich Schnitzler
Zoo Duisburg

Zusammenfassung:

In dieser Arbeit wurde das Fischfang- und Echoortungsverhalten von Inia geoffrensis in Gefangenschaft untersucht. Dazu wurden synchron Video- und Lautaufnahmen von Situationen gemacht, in denen ein Inia sich einer Forelle annähert und sie fängt. Die Aufnahmen fanden im Duisburger Zoo statt.
Der Delphin zeigt eine deutliche Zielortientierung bei der Annäherung an seine Beute. Durch den in das Wasser geworfenen Fisch aufmerksam gemacht, dreht er sich in Richtung Forelle, zeigt manchmal ‚scanning‘-Bewegungen und schwimmt direkt auf die Forelle zu. ER packt sie mit seiner Schnabelspitze in der Mitte des Fischkörpers oder am Kopfende. Der Delphinkopf ist bei der Annäherung die ganze Zeit auf den Fisch, häufig auf dessen Kopf, fixiert.
Auch im Echoortungsverhalten spiegelt sich die Zielorientierung wieder. Abhängig vom Abstand zur Beute ändert der Delphin sowohl den Lautabstand als auch die Lautamplitude. Während er bei großen Zielabständen (max. 4 m, bedingt durch die Beckengröße) in unregelmäßigen Abständen Laute aussendet (im Mittel um 26 (+/-9) ms), verringert er bei kurzen Zielabständen (unterhalb 1 m) den Lautabstand im Laufe der Annäherung kontinuierlich bis auf Minimalwerte um 11 (+/- 2) ms, bevor er den Fisch schnappt. Das Absenken des Lautabstandes erhöht der Informationsfluss und könnte deshalb eine bessere Kontrolle der Annäherung an die Beute ermöglichen. Auch die Lautamplitude wird ab einem Zielabstand kleiner 1 m kontinuierlich bei der Annäherung mit ca. 10 dB pro Halbierung der Zieldistanz gesenkt, wobei er sich hier möglicherweise um eine Intensitäts-Kompensation handelt.
Bedingt durch das Absenken der Lautintensität, was eine Einteilung des Echoortungsverhaltens in zwei aufeinanderfolgende Phasen, die Fern- und die Nahphase, erlaubt. In der Fernphase sendet der Delphin laute, hochfrequente schmalbandige Vorauslaute mit niedriger -6 dB Lautlänge aus (Typ 1). Die beste Frequenz der Typ 1-Laute liegt bei 100 kHz, die -6 dB Lautlänge um 16 μs und die -3 dB Bandbreite um 24 kHz. Die Momentanfrequenz der ersten beiden Zyklen im Oszillogramm beträgt ca. 93 kHz, die der restlichen Zyklen liegt bei 104 kHz. Kurz vor dem Übergang in die Nahphase senkt der Delphin die Lautamplitude. Die hochfrequenten Laute werden mit abnehmender Amplitude immer breitbandiger, bis die beste Frequenz auf unter 60 kHz springt. Mit diesem Sprung ist der Wechsel von der Fern- in die Nahphase definiert. Die nun tieffrequenten Laute werden wieder schmalbandiger. Kurz bevor der Delphin seine Beute schnappt, sind die von ihm ausgesandten Vorauslaute wieder schmalbandig (Typ 2), im Gegensatz zu den Typ 1-Lauten jedoch tieffrequent und leise. Die beste Frequenz der Typ 2-Laute liegt um 50 kHz, die -6 dB Lautlänge bei ca. 41 μs und die -3 dB Bandbreite um 21 kHz.
Durch den Sprung der besten Frequenz von den hohen Werten auf unter 60 kHz erscheint der Übergang von der Fern- in die Nahphase plötzliche. Mit sinkender Amplitude zeigt sich jedoch eine kontinuierliche Veränderung in der Struktur der laute (Übergangslaute=, die von der Typ 1- in die Typ 2-Lautstruktur überleitet. Diese Veränderung zeigt sich in einer kontinuierlichen Abnahme des oberen Frequenzbereiches im Spektrum und einer linearen Abnahme der Momentanfrequenz  der ersten beiden Zyklen des Zeitsignals.
Dieses Ergebnis zeigt, dass Inia sein Echoortungsverhalten situationsbedingt anpassen kann. Die Anpassung liegt in einer Regulierung des Lautabstandes und der Lautamplitude. Abhängig von der Lautintensität können verschiedene Lauttypen unterschieden werden, deren Unterschiede hauptsächlich im Spektrum sichtbar werden.
Die Lautstruktur wird nicht nur aktiv verändert, sondern hängt auch – bedingt durch die Richtcharakteristik – vom Hydrophonwinkel ab. Bei Laute, die mit einem großen Hydrophonwinkel aufgenommen wurden, werden Einschnitte bei diskreten Frequenzen im Spektrum sichtbar, was möglicherweise auf ‚multi-wavefront interference‘ zurückzuführen ist.

 

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© Peter Dollinger, Zoo Office Bern hyperworx