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KALTHOFF, A. (2000)

Der Einfluss von Besuchern auf Verhalten und Wohlergehen von Zootieren: Verhaltensendokrinologische Untersuchung an Breitmaulnashörnern (Ceratotherium simum simum) und Pinselohrschweinen (Potamocherus porcus pictus) im Allwetterzoo Münster.

Diplomarbeit

pp. i-iv, 1-125, 1-23

Fachbereich Biologie der Westfalischen Wilhelms-Universitat Munster,
Allwetterzoo Münster, Direktor: Jörg Adler

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Zusammenfassung:

 Tiere in menschlicher Obhut sind dem Einfluss verschiedener haltungsspezifischer Faktoren ausgesetzt. Ein auf den Zoo beschränkter, täglich variierender Faktor sind die Zoobesucher, deren Einfluss auf Zootiere in der Vergangenheit kontrovers diskutiert wurde. So wurde z.B. angenommen, dass die Tiere sich an die Besucher gewöhnen oder diese sogar ignorieren. Ebenso könnten die Besucher eine Bereicherung der Umwelt der Tiere darstellen. Studien an Primaten weisen allerdings eher auf einen belastenden Einfluss von Zoobesuchern hin, vor allem, wenn diese versuchen, mit den Tieren zu interagieren. Andere Zootiere, z.B. Ungulaten oder Raubkatzen, wurden bisher kaum in diesem Zusammenhang betrachtet. Als Indikator für eine besucherinduzierte Belastung bei Primaten wird ihr verändertes Verhalten angesehen. Ob auch Auswirkungen auf die Höhe der Glucocorticoidkonzentrationen vorliegen, ist jedoch bislang nicht untersucht worden.

Gegenstand dieser Studie war es, den Einfluss von Besuchern auf das Verhalten und die Corticoidkonzentrationen im Speichel von Zootieren zu ermitteln und so eine Aussage über die Auswirkungen der Besucher auf das Wohlergehen der Tiere treffen zu können. Untersucht wurden vier Breitmaulnashörner (drei Kühe und ein Bulle) und drei Pinselohrschweine (zwei Weibchen und ein Männchen) im Allwetterzoo Münster.$

Von Juni bis September fanden an 39 Tagen jeweils zwischen 9:00 und 15:00 Uhr die Verhaltensbeobachtungen bei den Breitmaulnashörnern statt. Am Ende jeden Beobachtungstages wurde sowohl von den Nashörnern als auch von den Pinselohrschweinen Speichelproben entnommen. Von September  bis Oktober wurden die beiden weiblichen Pinselohrschweine an 12 Tagen jeweils zwischen 9:00 und 16:00 Uhr beobachtet. Den Weibchen und auch dem Männchen wurde weiterhin am Ende jedes Beobachtungstages eine Speichelprobe entnommen. Die Gesamtbeobachtungsdauer umfasste bei den Breitmaulnashörnern 148 Stunden und bei den Pinselohrschweinen 52 Stunden. Nach Abschluss der Verhaltensbeobachtungen wurden im Labor die Corticosteronkonzentrationen in den gesammelten Speichelproben gemessen.

Neben dem Verhalten der Tiere wurden die Anzahl und das Verhalten der Besucher anhand von drei Parametern ermittelt: (1) Besucheranzahl, (2) von den Besuchern ausgehende akustische Reize und (3) von den Besuchern ausgehende optische Reize. Mit Hilfe dieser Parameter konnten die Beobachtungstage verschiedenen Besuchersituationen zugeordnet werden: (1) „leer“ und „voll“, (2) „leise“ und „laut“ und (3) „unauffällig“ und „auffällig“. Das Verhalten und die Hormonkonzentrationen der Tiere in den verschiedenen Besuchersituationen wurden in Bezug auf jeden der drei Parameter einzeln ausgewertet (bei den Pinselohrscheinen mussten die Parameter 1 und 2 zusammengefasst werden.

Die wichtigsten Ergebnisse bei den Breitmaulnashörnern waren:

  • An „leisen“ und „unauffälligen“ Tagen ruhten die Tiere deutlich länger.
  • Komfortverhalten zeigten die Tiere verstärkt an „lauten“ und „auffälligen“ Tagen.
  • An „lauten“ Tagen standen die Tiere häufiger dicht beieinander und hatten auch mehr agnostische Auseinandersetzungen.
  • An „vollen“ und „auffälligen“ Tagen hielten sich die Tiere vermehrt in näher zu den Besuchern gelegenen Gehegeteilen auf.
  • Die Corticosteronkonzentrationen im Speichel wurden nicht durch die Besucher beeinflusst.

Vermutlich waren die Besucher vor allem für eine vermehrte Aktivität der Tiere verantwortlich, währendem sich die Veränderungen bei den übrigen Verhaltensweisen als sekundäre Effekte aus der veränderten Aktivität ergaben.

Bei den Pinselohrschweinen ergaben sich folgende Befunde:

  • An „leeren/leisen“ und „unauffälligen“ Tagen zeigten die Tiere mehr Gesteigerte Lokomotion und merkten häufiger auf.
  • An „vollen/lauten“ und „auffälligen“ Tagen zeigten die Tiere mehr Besuchergerichtetes Verhalten und hielten sich verstärkt in der Nähe der Besucher auf-
  • Die Corticosteronkonzentrationen im Speichel wurden ebenfalls nicht durch die Besucher beeinflusst.

Die Pinselohrschweine schienen sich in Rchtung Besucher zu orientieren und auch selbst die Interaktionen der Besucher zu suchen. Die Besucher stellten für sie offenbar einen interessanten Stimuklus ihrer Umgebung dar.

Übereinstimmend mit den Studien an Primaten zeigte sich bei den Breitmaulnashörnern, dass vor allem das Verhalten der Besucher starke  Auswirkungen auf die Tiere hat. Bei den Pinselohrschweinen konnten Besucheranzahl und -verhalten nicht sauber von einander getrennt analysiert werden.

Die Untersuchung zeigte, dass die Tiere die Besucher nicht ignorierten, sondern von ihnen beeinflusst wurden. Die Besucher schienen jedoch keine starke Belastung für die Tiere darzustellen. Für die Pinselohrschweine waren sie vermutlich sogar eine Bereicherung ihrer Umwelt. Die gefundenen Verhaltensänderungebn deuten allerdings auf Defizite in den Haltungsbedingungen hin, da diese  den Tieren anscheinend nicht genügend Reize boten, um ihr Verhaltensrepertoire in ausreichendem Maße azusführen zu können.

 

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Gelesen 2315 mal Letzte Änderung am Dienstag, 26 Juni 2018 15:21
© Peter Dollinger, Zoo Office Bern hyperworx