Halbaffen

Schlanklori

Nördlicher Grauer Schlanklori (Loris lydekkerianus nordicus) im Zoo Frankfurt Nördlicher Grauer Schlanklori (Loris lydekkerianus nordicus) im Zoo Frankfurt
Michael_Leibfritz, Zoo Frankfurt

Überordnung: EUARCHONTOGLIRES
Ordnung: Affen und Halbaffen (PRIMATES)
Unterordnung: Halbaffen (Prosimiae / Strepsirrhini)
Teilordnung: Lori-Verwandte (Lorisiformes)
Familie: Loris (Lorisidae)

D NT 650

EEPGrauer Schlanklori

Loris lydekkerianus • The Grey Slender Loris • Le loris grèle du Ceylan

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Nördlicher Grauer Schlanklori (Loris lydekkerianus nordicus) im Zoo Frankfurt © Elias Neideck

 

 

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Verbreitung des Schlankloris (Loris lydekkerianus). Gelb: L.l. lydekkerianus; dunkelblau: L.l. malabaricus; rot: L.l. "nordicus"

 

 

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Nördlicher Grauer Schlanklori (Loris lydekkerianus nordicus) im Zoo Frankfurt © Michael Leibfritz, Zoo Frankfurt

 

 

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Nördlicher Grauer Schlanklori (Loris lydekkerianus nordicus) im Zoo Frankfurt © Michael Leibfritz, Zoo Frankfurt

 

 

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Schlanklori (Loris lydekkerianus) im Zoo Singapur © Zoo Singapur

 

 

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Nördlicher Grauer Schlanklori (Loris lydekkerianus nordicus) im Zoo Frankfurt © Elias Neideck

 

 

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Nördlicher Grauer Schlanklori (Loris lydekkerianus nordicus) in der ZOOM Erlebniswelt Gelsenkirchen © ZOOM (Pressefoto)

 

 

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Nördlicher Grauer Schlanklori (Loris lydekkerianus nordicus) mit Jungtier im Zoo Berlin © Wolfgang Dreier, Berlin

 

 

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Hände verschiedener Halbaffen der Familie Lorisidae Quelle: http://www.loris-conservation.org

 

 

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Schlankloris (Stenops gracilis). Bild aus BREHMs Thierleben (1882-1887)

 

 

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Schlanklori (Stenops gracilis) im Erwachen und im Schlafe. Bild aus BREHMs Thierleben (1882-1887)

 

 

 

Weitere Bilder auf BioLib

Der in seiner Heimat stark gefährdete Nördliche Graue Schlanklori ist eine hochinteressante Tierart, die für die Zoopädagogik viel hergibt und wegen ihres eigenartigen Aussehens auch das allgemeine Publikum anspricht. Allerdings bedingt eine vernünftige Präsentation ein Nachttierhaus, was die Zahl der möglichen Haltungen einschränkt.

Körperbau und Körperfunktionen

Graue Schlankloris haben eine Kopf-Rumpflänge von 21-26 cm. Erwachsene Schlanklori-Männchen haben ein mittleres Gewicht etwa 250-280 Gramm, Weibchen sind etwa 20-40 Gramm schwerer [6]. Wegen ihrer Spezialisierung auf quadrupedes Greifklettern haben Schlankloris einen langen Körper, etwa gleich lange Vorder- und Hinterextremitäten und einen rückgebildeten Schwanz. Sie können so relativ weite Abstände zwischen Zweigen überbrücken ohne zu springen. Die Arm- und Beinmuskeln sind durch „Wundernetze“ (Retia mirabilia) gut durchblutet. Die Daumen bzw. Großzehen sind als Greiforgane dem 3-5 Strahl gegenübergestellt und besonders kräftig. Finger und Zehen sind mit Haftbeeren ausgestattet, die Zeigefinger zurückgebildet. Dadurch sind sie weniger im Weg, wenn beim Gehen die zangenförmig den Ast umschließenden Hände nach vorn abrollen. Die Tiere sind nachtaktiv mit entsprechendem hoch leistungsfähigem Sinnesapparat. Ihre großen, nach vorn gerichteten Augen mit reflektierendem Augenhintergrund (Tapetum lucidum) erlauben ein gutes Nachtsehen. Der Geruchssinn ist ebenfalls hochentwickelt mit feuchtem Rhinarium und Jacobsonschem Organ im Oberkiefer; Duftdrüsenfelder in der Haut, dienen der olfaktorischen Kommunikation der Tiere [4].

Verbreitung

Südasien: Sri Lanka und Indien (Andhra Pradesh, Karnataka, Kerala und Tamil Nadu) [1].

Lebensraum und Lebensweise

Graue Schlankloris besiedeln feuchte Primär- und Sekundärwälder, Nebelwälder bis auf eine Höhe von 2'000 m, teilweise laubabwerfende Trockenwälder, Buschland, Sumpfwälder, Bambusdickichte, aber auch Kulturland, Gärten, Park- und Hotelanlagen. Sie sind nachtaktive Baumbewohner. Sie leben in lockeren Verbänden von mehreren Tieren beiderlei Geschlechts, wobei sie etwa ein Drittel der Zeit in Gesellschaft von Artgenossen verbringen. Die Nahrung besteht hauptsächlich aus Wirbellosen, einschließlich Insekten aller Art, Spinnentiere und Mollusken. Dazu werden Eier und Nestlinge von Vögeln, Geckos, Baumfrösche, unreife Früchte, junge Blätter und Baumsaft gefressen [3; 6; 8].

Schlankloris haben keine feste Fortpflanzungszeit. Die Weibchen bringen in der Regel ein Junges zur Welt, gelegentlich Zwillinge. Die Jungen sind bei der Geburt etwa 10-12 Gramm schwer und haben halboffene Augen. Schon mit 13-14 Tagen können sie Insekten fangen. Mit rund 6 Wochen beginnen sie, feste Nahrung zu sich zu nehmen und mit 5 Monaten sind sie entwöhnt [3; 8].

Gefährdung und Schutz

Wegen Zerstörung des Lebensraums und zu hohem Jagddruck haben die Bestände des Grauen Schlankloris in den letzten Jahrzehnten massiv abgenommen und eine Trendwende ist nicht in Sichte. Die Unterart nordicus galt aufgrund einer Beurteilung aus den Jahr 2008 als stark gefährdet, wird aber aufgrund der neuesten Taxonomie nicht mehr anerkannt.  Die Art insgesamt wird seit 2020 als potenziell gefährdet angesehen (Rote Liste: NEAR THREATENED).

Der internationale Handel ist durch CITES-Anhang II geregelt.

Bedeutung für den Menschen

Graue Schlankloris werden für den lokalen Tierhandel gefangen oder getötet, um Körperteile für die Zwecke der traditionellen Medizin zu gewinnen [3]. Die legale Ausfuhr von Teilen und Erzeugnissen oder lebenden L. lydekkerianus, die der Natur entnommen wurden, ist inexistent. Von  1977-2017 wurden weltweit 1 lydekkerianus und 48 als tardigradus deklarierte Nachzuchttiere, bei denen es sich effektiv ebenfalls um Nördliche Graue Schlankloris gehandelt haben dürfte, über Landesgrenzen abgegeben. Wichtigstes Exportland war Deutschland [2].

Haltung

Zu reichliches Angebot von Futter allgemein oder von bestimmten Futtersorten kann zu Störungen der Darmflora (Dysbakteriose) führen. Diese  Erkrankung ist in der Vergangenheit in verschiedenen Zoos aufgetreten und hat zu Todesfällen und zu Unfruchtbarkeit geführt. Schlankloris sind auch sehr stressanfällig. Sie empfinden Änderungen in den Haltungsbedingungen oft als Gefahr, verfallen in eine Starre oder versuchen zu fliehen. In menschlicher Obhut ist diese Eigenart der Loris ein Hauptgrund für hohe Sterblichkeit; die Tiere reagieren auf Umgebungsveränderung mit Stress und bei Dauerstress sterben sie an blutendem Magenulkus, Fettleber und Lebernekrosen [4]. Auch die Mortalität auf Transporten kann hoch sein [5].

Als Höchstalter werden 18 Jahre und 8 Monate angegeben [7].

Haltung in europäischen Zoos: Die Zahl der Haltungen hat in den letzten Jahren etwas zugenommen. Gegenwärtig (2023) wird die Art in 15 Zoos gehalten, hauptsächlich in England und Deutschland. Für Details siehe Zootierliste.

Das seit 2004 bestehende Europäische Zuchtprogramm (EEP) wurde in ein "New Style EEP" umgewandelt und wird vom Zoo Frankfurt koordiniert.

Mindestanforderungen an Gehege: Für die Vorgabe des Säugetiergutachtens 2014 des BMEL von 4 m² / 8 m³ für das Innengehege für zwei Tiere liegt keine wissenschaftliche Begründung vor. Andererseits sind die im Gutachten '96 enthaltenen Gehegedimensionen von 1.5 m² / 3 m³ auch nicht adäquat. Aufgrund tierhalterischer Erfahrung erschienen den Tierschutzsachverständigen der Zoos 3 m² / 6 m³ für zwei Tiere oder eine Familiengruppe bis zu fünf Tieren angemessen.

Dass bei der Haltung in Nachttierhäusern in der Nachtphase die Beleuchtungsstärke unter  0,3 Lux liegen muss, ist nicht praktikabel und mit dem Betrieb einer öffentlich zugänglichen Anlage nicht zu vereinbaren (Sichtbarkeit der Tiere, Diebstahl, sexuelle Übergriffe). Tierhalterische Erfahrung zeigt, dass bei  Beleuchtungsspitzen bis 4-6 Lux in den Gehegen keine negativen Auswirkungen beobachtet werden können. Wesentlich ist, dass das Verhältnis der Beleuchtungsstärken der Nacht- und Tagphase mindestens 1:100 beträgt [5].

Die Schweizerische Tierschutzverordnung (Stand 01.06.2022) schreibt für bis zu 5 Tieren ein Innengehege mit einer Fläche von 1.5 m² und 2 m Höhe vor. Für jedes weitere Adulttier ist die Fläche um 0.3 m² zu ergänzen.

Nach der 2. Tierhaltungsverordnung Österreichs (Stand 2023) muss die Haltung paarweise oder in kleinen Familiengruppen erfolgen. Dazu ist ein Innengehege mit einer Fläche von 4 m² und einer Höhe von 2 m erforderlich.

Taxonomie und Nomenklatur

Carl von LINNÉ beschrieb den (heutigen Roten) Schlanklori 1758 als "Lemur tardigradus". Der heute gültige Gattungsname Loris wurde 1796 von Étienne GEOFFROY SAINT-HILAIRE, dem Begründer des ersten bürgerlichen Zoos, der Ménagerie im Jardin des Plantes von Paris, verliehen. 1908 beschrieb der argentinische Zoologe und Paläontologe Ángel CABRERA LATORRE Loris lydekkerianus als eigene Art, die aber in der Folge mit Loris tardigradus zusammengelegt und erst 2001 wieder zu einer eigenständigen Art erhoben wurde. Ginsichtlich Unterarten befindet sich die Taxonomie gegenwärtig im Fluss, da Publikationen aus den Jahren 2017, 2019 und 2020 zu jeweils unterschiedlichen Schlüssen kamen [3; 6; 8].

Literatur und Internetquellen

  1. CHRISTIE, S. (1992)
  2. CITES TRADE DATA BASE
  3. DITTUS, W. et al. (2020). Loris lydekkerianus. The IUCN Red List of Threatened Species 2020: e.T44722A17970358. https://dx.doi.org/10.2305/IUCN.UK.2020-3.RLTS.T44722A17970358.en. Downloaded on 17 December 2020.
  4. PETRY, K. (2006)
  5. SCHERPNER, C. (1982)
  6. SCHULZE, H. (1998)
  7. WEIGL, R. (2005)
  8. WILSON, D. E. et al. eds. (2009-2019)

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Gelesen 15709 mal Letzte Änderung am Mittwoch, 05 April 2023 09:39
© Peter Dollinger, Zoo Office Bern hyperworx