Nebengelenk- und Schuppentiere

Grosser Ameisenbär

Grosser Ameisenbär mit Jungem im Zoo Zürich Grosser Ameisenbär mit Jungem im Zoo Zürich
© Edi Day, Zürich

Überordnung: Zahnarme, Nebengelenktiere (XENARTHRA)
Ordnung: Panzerlose Nebengelenktiere (PILOSA)
Unterordnung: Wurmzüngler (Vermilingua)
Familie: Ameisenbären (Mymecophagidae)

D VU 650

Großer Ameisenbär

Myrmecophaga tridactyla • The Giant Anteater • Le grand fourmilier

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Großer Ameisenbär (Mymecophaga tridactyla) im Zoo Dortmund © Frank Brandstätter, Zoo Dortmund

 

 

 

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Approximative Verbreitung des Großen Ameisenbären (Myrmecophaga tridactyla); rot: vermutlich ausgestorben

 

 

 

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Große Ameisenbären (Myrmecophaga tridactyla) im Zoo Zürich © Corinne Invernizzi, Zoo Zürich

 

 

 

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Großer Ameisenbären (Mymecophaga tridactyla) mit Jungtieren im Zoo Zürich © Othmar Roethlin, Zoo Zürich

 

 

 

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Großer Ameisenbär (Mymecophaga tridactyla) mit Jungtier im Zoo Dortmund © Zoo Dortmund

 

 

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Großer Ameisenbär (Mymecophaga tridactyla) im Zoo Dortmund © Karl-Rainer Ledvina, Zoo Dortmund

 

 

 

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Großer Ameisenbär (Mymecophaga tridactyla) im Tiergarten Schönbrunn © Jutta Kirchner, TG Schönbrunn

 

 

 

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Großer Ameisenbär (Mymecophaga tridactyla) im Tiergarten Schönbrunn © Franz Wunsch, TG Schönbrunn

 

 

 

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Junger Großer Ameisenbär "Pedro" (Myrmecophaga tridactyla) in Der Wilhelma Stuttgart @ Wilhelma (Pressefoto)

 

 

 

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Junger Großer Ameisenbär "Pedro" (Myrmecophaga tridactyla) in Der Wilhelma Stuttgart @ Wilhelma (Pressefoto)

 

 

 

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Großer Ameisenbär (Mymecophaga tridactyla) schwimmend im Zoo Halle © Klaus Rudloff, Berlin

 

 

 

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Großer Ameisenbär (Mymecophaga tridactyla) im Zoo Magdeburg © Klaus Rudloff, Berlin

 

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Große Ameisenbären faszinieren durch ihre eigenartige Gestalt und die Eigenschaft, ihre Jungtiere Huckepack auf dem Rücken zutragen. Da sie in der Natur gefährdet sind, bemühen sich die Zoos um eine weltweit koordinierte Erhaltungszucht. Aus diesem Grund und wegen ihrer Langlebigkeit sind sie in europäisches Zoos daher häufig zu sehen.

Körperbau und Körperfunktionen

Der Große Ameisenbär erreicht eine Kopf-Rumpflänge von 100-130 cm, eine Schwanzlänge von 65-90 cm und ein Gewicht von 30-35 kg. Männchen sind etwas größer als Weibchen. Der Kopf ist sehr lang und röhrenförmig. Augen, Ohrmuscheln und Maulöffnung sind sehr klein. Der Körper ist schmal und die Arme sind sehr kräftig. An den Vorderfüßen befinden sich fünf Zehen, von denen die dritte sehr stark entwickelt ist und eine 10 cm lange kräftige Sichelkralle trägt. Diese Krallen sind so wichtig, dass der Ameisenbär sie beim Laufen schont, sie nach innen einschlägt und mit dem Handrücken auftritt. Hinten tritt er mit der ganzen, nackten Fußsohle auf. Das Fell ist am Kopf kurz, am Hals etwas länger, die Haare der Rückenmähne sind bis 24, jene des Schwanzes bis 40 cm lang. Die kontrastreiche Zeichnung trägt dazu, bei die Gestalt der Tiere aufzulösen. Die Weibchen haben zwei brustständige Zitzen [2].

Verbreitung

Mittel- und Südamerika von Honduras bis Nord-Argentinien: Argentinien, Bolivien, Brasilien, Costa Rica, Ekuador, Französisch Guiana, Guyana, Honduras, Kolumbien, Nikaragua, Panama, Paraguay, Peru, Surinam, Venezuela. In Belize, El Salvador, Guatemala, Uruguay und Teilen Argentiniens und Brasiliens vermutlich ausgestorben [5].

Lebensraum und Lebensweise

Der Große Ameisenbär kommt in unterschiedlichen Lebensräumen, einschließlich tropischem Regenwald, Trockenwald, Savanne Grasland und Feuchtgebiete vor. Er ist ein solitär lebender Bodenbewohner, der hauptsächlich tagsüber auf Nahrungssuche geht. Mit dem schräg nach unten gerichteten, röhrenförmigen Kopf sucht er unablässig den Boden nach Insekten ab. Hat er einen Ameisen- oder Termitenhügel entdeckt, reißt er ihn mit den kräftigen Sichelkrallen der Vorderfüße auf und fischt mit der bis zu 55 cm langen und feuchten Zunge die Beute heraus (pro Tag verzehrt er bis zu 35'000 Ameisen oder Termiten). Mit den kräftigen Vorderfüßen wehrt er sich auch erfolgreich gegen Feinde wie Jaguar oder Puma [2; 5; 7; 11].

Ameisenbären gebären in der Regel ein Junges pro Wurf. Dieses wiegt rund 1'300-1'500 Gramm. Ab der 3. Lebenswoche bis zum 6.-7. Monate wird es von der Mutter auf dem Rücken getragen. Danach beginnt sie, das Jungtier aus ihrer Nähe zu vertreiben. Mit 9 Monaten sind die Jungtiere annähernd so groß wie die Erwachsenen [4].

Gefährdung und Schutz

Gefährdung und Schutz: Seit 2010 wird der Große Ameisenbär wieder als gefährdet eingestuft (Rote Liste: VULNERABLE), nachdem er zuvor während ein paar Jahren nur als potenziell gefährdet gegolten hatte. Dies weil er während der vorhergehenden 10 Jahre mindestens 30% seines Bestands eingebüßt hat [5].

Der internationale Handel ist nach CITES-Anhang II geregelt.

Zoogestütztes Artenschutzprojekt: Erforschung Großer Ameisenbären im Pantanal

Bedeutung für den Menschen

In Teilen Brasiliens werden Große Ameisenbären von der lokalen Bevölkerung zur Gewinnung von Fleisch für den Eigenbedarf gejagt. Aus den Häuten werden Pferdegeschirre und andere Lederwaren hergestellt und sie wird auch in der traditionellen Medizin eingesetzt [5]. Nebst relativ wenigen Teilen und Erzeugnissen wurden von 2001-2017 aus den südamerikanischen Ursprungsländern 115 Wildfänge und weltweit 170 Nachzuchttiere exportiert [1].

Haltung

Große Ameisenbären sind ausdauernde Pfleglinge. Den Haltungsrekord hält der Krefelder Zoo, wo ein weibliches Tier vom 1. April 1970 bis zum 9. November 2000 lebte, also 30 Jahre und 7 Monate [12]. Obwohl sie von Natur aus Einzelgänger sind, ist eine Haltung in Paaren oder Kleingruppen möglich, aber es sollten stets ausreichend Absperrmöglichkeiten vorhanden sein [10; 11].

Haltung in europäischen Zoos: Die Art wird in rund 75 Zoos gehalten, von denen sich etwa ein Fünftel im deutschsprachigen Raum befinden. Für Details siehe Zootierliste.

Europäisches Erhaltungszuchtprogramm (EEP) seit 1985. Das EEP wird vom Zoo Dortmund koordiniert. Dieser führt auch das Internationale Zuchtbuch. Dieses umfasst 425 lebende Individuen in 172 Einrichtungen [IZY 52, Daten bis Dezember 2016].

Der erste Große Ameisenbär, der nach Deutschland gelangte, wurde 1864 von Carl HAGENBECK nach Hamburg gebracht. HAGENBECK [3] schreibt darüber: "Ganz abenteuerlich gestaltete sich damals der Transport eines Ameisenbären, der aus Argentinien in Southampton eingetroffen war und den ich im März 1864 in London kaufte. Ich hatte überhaupt noch kein derartiges Tier gesehen.

Der Eigentümer des Tieres wohnte auf einem Landsitz vier Meilen von der Stadt entfernt, wo der Bär frei im verschneiten Garten umherlief. () Sein Nachtlager hatte der Bär im Hühnerstall, wo man einige Bündel Heu aufgeschichtet hatte. Nachdem ich das Tier gekauft hatte, meinte der frühere Besitzer, ich könnte es ganz ruhig mit in die Droschke nehmen, nur müsse man die Fenster verschließen, damit es nicht hinausschlüpfe. Da ich von der Gefährlichkeit eines solchen Tieres noch keine Ahnung hatte, ließ ich mich zu dem Streich überreden. Die Kutsche fuhr an, und mein vierfüßiger Begleiter packte mich plötzlich mit seinen beiden scharfen Vorderkrallen. Zunächst hatte er es auf meine Beine abgesehen, und ich hatte Mühe, ihn wieder loszubringen. Während der ganzen Fahrt balgten wir uns hin und her. Fortwährend mußte ich mich neuer Angriffe erwehren, und es war keine leichte Arbeit, denn der Bursche maß von der Nasenspitze bis zum Schwanzende siebeneinhalb Fuß und besaß Riesenkräfte. Ich war vollständig am Ende mit meiner Energie, als wir in Southampton ankamen und ich den Kutscher um Hilfe anrufen konnte. Nach London wurde das Tier dann in einer Packkiste transportiert. Die Nahrung, die der Ameisenbär bisher täglich erhalten hatte, bestand aus acht rohen Eiern und einem Pfund gehackten Fleisches. Dazu trank er warme Milch. Auf der Überfahrt von London nach Hamburg hatten wir sehr stürmisches Wetter, und ich mußte mich seekrank in die Koje legen. Zwar rührte ich dem Ameisenbären noch sein Futter an, mußte jedoch den mir bekannten Schiffszimmermann bitten, meine Tiere zu verpflegen. Dabei kam es zu einem ergötzlichen Zwischenfall. Kaum hatte der Seemann meine Kabine verlassen, als er schreckensbleich zurückstürzte und erzählte, dem Ameisenbären sei soeben eine lange dünne Schlange aus dem Hals gekrochen! Trotz meiner Schwäche mußte ich also unter Deck, um das Wunder zu sehen. Die Schlange war natürlich nichts anderes als die lange Zunge des Ameisenbären, mit der er den Eierbrei aufleckte, den der Zimmermann in seiner Angst hatte fallen lassen. In Hamburg angekommen, verkaufte ich das seltene Tier an den damals fünfunddreißigjährigen Direktor des Zoologischen Gartens, den später durch sein »Tierleben« weltberühmt gewordenen Dr. Alfred BREHM."

Forschung im Zoo: Vieles, was wir vom Großen Ameisenbären wissen, wurde im Zoo erforscht. So beruhen z.B. die Kenntnisse über Zyklus- und Graviditätsdiagnostik auf einer Dissertation aus dem Zoo Dortmund, wo seit 1975 über 50 junge Ameisenbären geboren wurden. In Dortmund wurden auch Studien zur klinischen Diagnostik, Anatomie, über das Verhalten, über die Jugendentwicklung sowie das Management des Großen Ameisenbären durchgeführt. Am Zoo Zürich wurde über den Erhaltungsbedarf des Großen Ameisenbären als einem Tier mit einer niedrigen Stoffwechselrate geforscht [6; 7; 8; 9].

Mindestanforderungen an Gehege: Die vom Säugetiergutachten 2014 des BMEL geforderte Erhöhung der Mindestanforderung an das Außengehege auf 150 m² für ein Paar und 25 m² mehr für jedes weitere Tier, d.h. um beinahe das Vierfache gegenüber dem Gutachten ’96 entspricht zwar den Mindestanforderungen der 2. Tierhaltungsverordnung Österreichs, ist aber nicht begründet, und steht in Widerspruch zu wissenschaftlichen Publikationen sowie den Vorschriften z.B. Brasiliens oder der Schweiz. Im Sinne einer Harmonisierung sollten daher die Mindestanforderungen der Schweizerischen Tierschutzverordnung (Stand 2018) übernommen werden: Außengehege: Bei Einzelhaltung (Absperrgehege) mindestens 40 m² pro Tier, bei Gruppenhaltung mindestens 100 m² pro Paar und 10 m² mehr für jedes weitere Tier. Innengehege: 12 m² pro Paar und 6 m² für jedes weitere Tier.

Taxonomie und Nomenklatur

Der Große Ameisenbär wurde 1758 von Carl von LINNÉ unter seinem heute noch gültigen Namen beschrieben. Es werden drei Unterarten anerkannt: M. t. centralis von Mittelamerika bis ins nordwestliche Kolumbien, M. t. artata im nordöstlichen Kolumbien und nordwestlichen Venezuela und die Nominatform im übrigen Südamerika [13].

Literatur und Internetquellen

  1. CITES TRADE DATABASE
  2. GRZIMEK, B. (Hrsg. 1970)
  3. HAGENBECK, C. (1908)
  4. KÜHNE, R., MESSINGER, T. & DAMBOLDT, M. (2011)
  5. MIRANDA, F. et al. (2014). Myrmecophaga tridactyla. The IUCN Red List of Threatened Species 2014: e.T14224A47441961. http://www.iucnredlist.org/details/14224/0. Downloaded on 20 May 2018.
  6. NOWAK, M. A. (2015)
  7. PUSCHMANN, W., ZSCHEILE, D., & ZSCHEILE, K. (2009)
  8. SCHAUERTE, N. (2005)
  9. STAHL, M. (2011)
  10. SUPERINA. M., MIRANDA, F. & PLESE, T. (2008)
  11. SUPERINA, M., MIRANDA, F. & PLESE, T. (2012)
  12. WEIGL, R. (2005)
  13. WILSON, D. E. & REEDER, D. M. (2005)

Zusatzblatt: Erforschung Großer Ameisenbären im Pantanal

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Gelesen 633 mal Letzte Änderung am Samstag, 01 Dezember 2018 13:16
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