Stachelschwein-Verwandte

Nacktmull

Nacktmull (Heterocephalus glaber) im Zoo Osnabrück Nacktmull (Heterocephalus glaber) im Zoo Osnabrück
© Zoo Osnabrück (Pressefoto)

Überordnung: EUARCHONTOGLIRES
Taxon ohne Rang: Nagetiere und Hasen (GLIRES)
Ordnung: Nagetiere (RODENTIA)
Unterordnung: Stachelschweinverwandte (Hystricomorpha)
Familie: Sandgräber (Bathyergidae bzw. Nacktmulle (Heterocephalidae)

D LC 650

Nacktmull

Heterocephalus glaber • The Naked Mole Rat • Le rat-taupe nu

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Nacktmulle (Heterocephalus glaber) im Tierpark Berlin © Carlos Frey, Berlin

 

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Approximative Verbreitung des Nacktmulls (Heterocephalus glaber)

 

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Nacktmull (Heterocephalus glaber) im Tierpark Berlin © Tierpark Berlin (Pressefoto)

 

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Junger Nacktmull (Heterocephalus glaber) im Tierpark Berlin © Tierpark Berlin (Pressefoto)

 

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Junger Nacktmull (Heterocephalus glaber) im Zoo Osnabrück © Zoo Osnabrück (Pressefoto)

 

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Junger Nacktmull (Heterocephalus glaber) im Zoo Osnabrück © Zoo Osnabrück (Pressefoto)

 

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Nacktmull (Heterocephalus glaber) im Tiergarten Schönbrunn © Daniel Zupanc /TG Schönbrunn

 

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Nacktmull (Heterocephalus glaber) im Tiergarten Schönbrunn © Daniel Zupanc /TG Schönbrunn

 

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Nacktmull (Heterocephalus glaber) im Zoo Breslau © Klaus Rudloff, Berlin

 

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Unterirdischer Zoo mit Nacktmull-Ausstellung im Zoo Osnabrück © Zoo Osnabrück (Pressefoto)

 

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Nacktmulle sind keine gefährdete Tierart, sind aber aufgrund ihrer Anatomie und Physiologie und ihres Sozialverhalten von großem zoopädagogischem Interesse. Allerdings limitieren die sehr speziellen Ansprüche an ihre Haltung und Präsentation etwas die Zahl der Zoos, die sie zeigen.

Körperbau und Körperfunktionen

Nacktmulle erreichen eine Kopf-Rumpflänge von 7-11 cm, eine Schwanzlänge von 3-5 cm und ein Gewicht von 30-35 (15-70) g. Am leichtesten sind die als Arbeiter tätigen, sexuell unterdrückten Weibchen. Männchen und Königin bringen um die 40% mehr Gewicht auf die Waage. Nacktmulle gehören nicht gerade zu der Kategorie Tiere, die man als niedlich oder hübsch bezeichnen würde: Ihre grau- bis rosafarbene, faltige Haut ist kaum behaart und riesige Nagezähne dominieren den mit winzigen Augen und Ohrmuscheln ausgestattete Kopf. Doch mit ihrem eher unattraktiven Äußeren haben sich die Nacktmulle perfekt an ihr Lebensumfeld unter der Erde angepasst: In ihren engen Tunnelsystemen schützt die faltige Haut die Organe vor Verletzungen und ermöglicht zudem schnelle Vor- und Rückwärtsbewegungen in den Gängen. Außerdem ist es Parasiten kaum möglich, sich auf der nackten Haut der Mulle einzunisten. Das Graben erledigen die Nagetiere mit ihren riesigen Zähnen, die sie wie Baggerschaufeln einsetzen. 25 Prozent ihrer Gesamtmuskelmasse nimmt die Kaumuskulatur ein. So knacken die Nacktmulle auch den härtesten Wüstenboden. Eine Besonderheit der Nacktmulle ist, ihre stark schwankende Körpertemperatur: abhängig von ihrer Umgebung kann sie zwischen 12 °C und 32 °C variieren.

Verbreitung

Ostafrika: Äthiopien, Dschibuti, Kenia und Somalia [3].

Lebensraum und Lebensweise

Nacktmulle sind in Halbwüsten und Trockensteppen in Höhenlagen zwischen 400 und 1'500 m verbreitet. Sie haben eine rein unterirdische Lebensweise und besiedeln hauptsächlich harte Lehmböden, kommen aber auch in Laterit-, Gips- und Sandböden vor. Sie bewegen sich schnell vorwärts und rückwärts in ihren bis zu 3 km Länge umfassenden Gangsystemen. Im Rückwärtsgang dient der Schwanz als Tasthilfe. Sie haben ein bemerkenswertes Sozialverhalten: Sie leben in Kolonien von 20 bis 300 Individuen. Dabei handelt es sich um erweiterte Familiengruppen. Neue Gruppen entstehen durch Abspaltung oder Abwandern von Männchen. Innerhalb einer Kolonie sorgt eine Königin mit ein bis drei Männchen für Nachwuchs – wie bei manchen Insektenarten. Alle anderen Tiere sind als Folge des aggressiven Verhaltens des α-Männchens reproduktiv supprimiert, also unfruchtbar und zuständig für den Ausbau der Gänge oder das Bewachen des Baus. Nach einer Tragzeit von 70-74 (66-90) Tagen bringt die Königin 4-5mal pro Jahr 1-28 Junge mit einem Geburtsgewicht von 1.9 g zu Welt. Eine 2013 aus dem Zoo Dresden mit 11 Begleittieren bezogene Königin brachte im Tierpark Berlin im Ganzen 450 Junge zur Welt, bis sie 2019 gestürzt wurde. Mit 30 Tagen öffnen die Jungen ihre Augen und sind etwa zu diesem Zeitpunkt auch entwöhnt. Nach 7.5 Monaten sind sie geschlechtsreif. Das bekannte Höchstalter liegt bei 28 (Männchen) bzw. 23 (Weibchen) Jahren [1; 2; 3; 4; 8; 10).

Gefährdung und Schutz

Nacktmulle leben in Gebieten, wo wenig Ackerbau betrieben wird, und ihre Verbreitung schließt größere Schutzgebiete ein, wie Tsavo, Meru und Samburu. Die Art ist daher, wie 2016 festgestellt wurde, nicht gefährdet (Rote Liste: LEAST CONCERN) [3].

Der internationale Handel wird nicht durch CITES geregelt

Bedeutung für den Menschen

Nacktmulle fressen Wurzelknollen von Nutzpflanzen wir Maniok oder Süßkartoffeln. Allerdings kommen sie kaum in Ackerbaugebieten vor, sodass, sie bislang kaum in den Ruf kamen, Agrarschädlinge zu sein [3].

Haltung

WEIGL gibt als Altersrekord 17 Jahre und 11 Monate an, erreicht von einem im Brookfield Zoo, Chicago, gehaltenen weiblichen Tier [9].

Haltung in europäischen Zoos: Die Art wird in gegen 40 Zoos gehalten, von denen sich etwa ein Fünftel im deutschsprachigen Raum befinden. Für Details siehe Zootierliste. Es gibt kein koordiniertes Zuchtprogramm für diese Art.

Wie Nacktmulle gehalten werden (Beispiel): Afrikahaus im Zoo Dresden (ZOOLEX Gallery)

Zoogestützte Forschung: Nacktmulle sind gelegentlich Gegenstand von Forschungsarbeiten, bei denen es darum geht, unser Grundlagenwissen über die Art zu erweitern oder die Haltungsbedingungen im Zoo zu verbessern [1; 2, 5].

Mindestanforderungen an Gehege: Nacktmulle werden in Röhren- / Kistensystem gehalten. Die im Säugetiergutachten 2014 des BMEL enthaltene Maße sind absurd, wie die Tierschutzsachverständigen der Zoos feststellten. Die angegebene Mindesthöhe würde nur die Regulierung von Temperatur- und Luftfeuchtigkeit erschweren.

Die Schweizerische Tierschutzverordnung (Stand 2019) und die 2. Tierhaltungsverordnung Österreichs (Stand 2019) enthalten keine Angaben zu Nacktmullen.

Taxonomie und Nomenklatur

Der Nacktmull wurde 1842 von dem deutschen Natur- und Afrikaforscher Wilhelm Peter Eduard Simon RÜPPELL unter seinem heute noch gültigen Namen erstmals wissenschaftlich beschrieben Heterocephalus ist eine monotypische Gattung. Früher wurde sie im Rahmen einer Unterfamilie (Heterocephalinae) in die Familie der Sandgräber (Bathyergidae) eingruppiert. Seit 2014 wird sie aber aufgrund ihrer basalen Stellung in eine eigene Familie eingeordnet, was allerdings z.B. im Rahmen der Roten Liste noch nicht umgesetzt wurde  [4; 5; 7; 10].

Literatur und Internetquelle

  1. CLASEN, K. (2009)
  2. LUDWIG, W. & KRÖNKE, C. (2012)
  3. MAREE, S. & FAULKES, C. (2016). Heterocephalus glaber (errata version published in 2017). The IUCN Red List of Threatened Species 2016: e.T9987A115095455. http://www.iucnredlist.org/details/9987/0. Downloaded on 22 May 2018.
  4. NEIDECK, E. (2017)
  5. PATTERSON, B. D. & UPHAM, N. S. (2014)  
  6. PETRY, H. (2012)
  7. THE TAXONOMICON - Reference: McKENNA, M.C. & BELL, S.K. 1997. Classification of Mammals Above the Species Level. Columbia University Press, New York.
  8. WEIGL, R. (2005)
  9. WILSON, D. E. et al. eds. (2009-)

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Gelesen 7211 mal Letzte Änderung am Dienstag, 14 April 2020 13:48
© Peter Dollinger, Zoo Office Bern hyperworx