Hasenartige

Schneehase

Alpenschneehase im Winterkleid im Natur- und Tierpark Goldau Alpenschneehase im Winterkleid im Natur- und Tierpark Goldau
© Andreas Maeder, NTPG

Überordnung: EUARCHONTOGLIRES
Taxon ohne Rang: Nagetiere und Hasen (GLIRES)
Ordnung: Hasentiere (LAGOMORPHA)
Familie: Hasenartige (Leporidae)

D LC 650

Schneehase

Lepus timidus • The Mountain Hare • Le lièvre variable

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Alpenschneehase (Lepus timidus varronis im Sommerkleid im Alpenzoo Innsbruck © Alpenzoo

 

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Approximative Verbreitung des Schneehasen (Lepus timidus). Dunkelgrün: Alpenschneehase (Lepus t. varronis); dunkelblau: übrige Unterarten; rot: eingeführte Populationen

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Schneehase (Lepus timidus) im Sommerfell im Zoo am Meer © Peter Dollinger, Zoo Office Bern

 

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Alpenschneehase (Lepus timidus varronis) im Fellwechsel im Natur- und Tierpark Goldau © NTPG

 

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Alpenschneehase (Lepus timidus varronis) im fortgeschrittenen Fellwechse im Alpenzoo Innsbruck © Peter Dollinger, Zoo Office Bern

 

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Schneehase (Lepus timidus) im weit fortgeschrittenen Fellwechsel im Vogelpark Voroby © Klaus Rudloff, Berlin

 

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Schneehase (Lepus timidus) im praktisch abgeschlossenen Fellwechsel im Bodenseezoo Reutemühle © Peter Dollinger, Zoo Office Bern

 

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Im Fellwechsel unterschiedlich weit fortgeschrittene Schneehasen (Lepus timidus) im Zoo am Meer, Bremerhaven © Peter Dollinger, Zoo Office Bern

 

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Adulter Schneehase (Lepus timidus) sich streckend im Zoo Leiningrad © Klaus Rudloff, Berlin

 

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Junge Alpenschneehasen (Lepus timidus varronis) im Tierpark Bern © Peter Dollinger, Zoo Office Bern

 

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Schneehasenabschuss 1963-2012, oben Kanton Tessin, unten Kanton Graubünden. Im Tessin wurde bis in die 1980er Jahre eine nicht-nachhaltige Jagd betrieben, die auf dem Abschuss ausgesetzter Tiere beruhte,

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Schneehasenzucht für euphemistisch "ripopolamento" genannte jagdliche Zwecke, früher in Golino / Tessin © Peter Dollinger, Zoo Office Bern

Briefmarke Schneehase
Schneehasenmotiv auf Sonderbriefmarke. "Pro Juventute", Schweiz

 

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"Alpen- oder Schneehase (Lepus timidus)". Bild aus Brehms Thierleben (1882-1887)

 

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Der Schneehase ist einer der beiden einheimischen Vertreter der Gattung Lepus. Er ist aus verschiedenen Gründen - Fellwechsel, Klimawandel, Verhältnis zum Feldhasen, Allen'sche Regel - von zoopädagogischem Interesse.

Körperbau und Körperfunktionen

Größe und Gewicht des Schneehasen sind regional unterschiedlich. Die Kopf-Rumpflänge variiert von etwa 48-70 cm, das Gewicht von 1.8-5.5 kg. Der Schneehase ist hervorragend an seinen Lebensraum angepasst. Wie bei vielen Tieren, die in kalten Gebieten leben, sind auch bei den Schneehasen die Extremitäten kürzer als bei ihren in wärmeren Gegenden lebenden Verwandten. Neben den kürzeren Ohren fallen auch die im Vergleich zum Feldhasen kürzeren Beine auf. Die Füße sind groß und ihre Sohlen behaart. Dadurch ist die Auflagefläche vergrößert, was die Fortbewegung im Schnee erleichtert [5; 6]. 

Das Fell wechselt im Jahresverlauf dreimal: im Herbst wird es weiß, im Frühjahr graubraun und im Sommer braun. Im Frühjahrs- und Sommerfell ist die Unterseite weiß. Der Schwanz ist einheitlich gefärbt, hat also keine schwarze Oberseite wie beim Feldhasen [6].

Zum Farbwechsel bemerkt BREHM: "Wenn die Gemsen schwarz werden, wird ihr Nachbar, der Hase, weiß. Dabei bemerken wir folgende merkwürdige Erscheinungen. Zunächst vollzieht sich die Umfärbung nicht nach einer festen Zeit, sondern richtet sich nach der jeweiligen Witterung, so daß sie bei früherem Winter früher eintritt, ebenso bei früherem Frühlinge, und immer mit dem Farbenwechsel des Hermelins und des Schneehuhns, welche den gleichen Gesetzen unterliegen, Schritt hält." [2].

Verbreitung

Holarktis: Nordeuropa, Nordasien und nördliches Nordamerika. Ferner im Alpenraum (Lepus timidus varronis): Deutschland (Bayern), Frankreich, Italien, Liechtenstein, Östereich, Schweiz (Alpen und Voralpen, fehlt im Jura), Slowenien [8]

Lebensraum und Lebensweise

Der Schneehase besiedelt in der Arktis Tundra, soweit sie etwas Deckung bietet, und Taiga, in Schottland und Irland Moorgebiete, in Ostsibirien Dickungen aus Zirbelkiefern und in Kasachstan Wäldchen inmitten der Steppe und Schilfgürtel der Seen. Im Alpenraum bevorzugt er im Winter aufgelockerte Mischwälder der Montanen Stufe oberhalb von 800 m und Gebüsch entlang von Bachläufen. Im Sommer wechselt er in die Subalpine Stufe ab 1'600 m und die Alpine Stufe bis auf eine Höhe von 3'600 m, wo ihm nur noch Zwergsträucher Schutz bieten. Die Zusammensetzung der weitestgehend pflanzlichen Nahrung variiert im Jahresverlauf: im Sommer äst der Schneehase die alpinen Rasen ab und nagt Zwergsträucher an, besonders Heidelbeeren (Vaccinium spp.). Im Winter ist eine Zunahme des Strauch- und Baumrindenanteils festzustellen. Fressfeinde des Alpenschneehasen sind namentlich Fuchs, Baummarder, Luchs und Steinadler [1; 2; 3; 6].

Die Populationsdichte des Schneehasen ist je nach Region unterschiedlich. In Skandinavien oder Russland kann sie nur 1-2 Tiere / km² betragen, in Schottland, wo das Nahrungsangebot höher ist, bis zu 250 Individuen / km². In Teilen des Areals kann es zu zyklischen Populationsschwankungen kommen, wobei ein Zyklus je nach Region 3 bis 12 Jahre betragen kann [6].

Nach einer Tragzeit von (44-)47-55 Tagen werden 1-3 mal im Jahr 2-6 voll entwickelte Junge mit einem Geburtsgewicht von 70-130 g geboren. Diese werden 3-4 Wochen lang gesäugt und werden im Folgejahr mit 9-11 Monaten geschlechtsreif [5; 10].

Gefährdung und Schutz

Der Schneehase gilt gegenwärtig nach einer Beurteilung aus dem Jahr 2008 nicht als gefährdet (Rote Liste LEAST CONCERN) [8]. Die Klimaerwärmung wird aber zu einer Einschränkung des Lebensraums führen, die namentlich für den Alpenschneehasen problematisch werden dürfte. Eine detaillierte Untersuchung aus dem Jahr 2018  kommt zum Schluss, dass der Alpenschneehase bis zum Jahr 2100 aufgrund einer Verkleinerung und stärkeren Fragmentierung der geeigneten Habitate sowie einer Vergrößerung der Distanzen zwischen diesen 35% seines Areals verlieren wird [7].

Der internationale Handel ist nicht durch CITES geregelt. Die Art fällt unter Anhang 3 der Berner Konvention und Anhang V der Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie der EU.

Bedeutung für den Menschen

Jagdliche Bedeutung im deutschsprachigen Raum: In der Schweiz wurden während der Periode 2005-2016 jährlich zwischen 1'007 und 1'680 Schneehasen erlegt, die allermeisten in Graubünden [4]. In Österreich differenziert die Jagdstatistik nicht zwischen Feld- und Schneehasen. Die Zahl der Schneehasen, die in den vier Bundesländern Vorarlberg, Tirol, Kärnten und Oberösterreich erlegt werden, ist jedoch unerheblich. In der Autonomen Provinz Bozen betrug im Jagdjahr 2015 der Schneehasenabschuss 438 Stück. In Liechtenstein ist der Schneehase jagdbar, die Jäger verzichten jedoch in der Regel freiwillig auf den Abschuss. In Deutschland unterliegt der Schneehase dem Jagdrecht, ist jedoch in Bayern ganzjährig geschont.

Ob der Folgende, von BREHM kolportierte Bericht TSCHUDIs über das Zusammenleben von Mensch und Schneehase wahr ist, sei dahingestellt, jedenfalls ist er erheiternd: " Gar oft gehen die Alpenhasen auch in diesen Jahreszeiten zu den oberen Heuställen. Gelingt es ihnen, durch Hüpfen und Springen zum Heue zu gelangen, so setzen sie sich darin fest, oft in Gesellschaft, fressen einen guten Theil weg und bedecken den Vorrath mit ihrer Losung. Allein um diese Zeit wird gewöhnlich das Heu ins Thal geschlittet. Dann weiden die Hasen fleißig der Schlittenbahn nach die abgefallenen Halme auf oder suchen nachts die Mittagslager der Holzschlitter auf, um den Futterrest zu holen, welchen die Pferde zurückgelassen haben. Während der Zeit des Heuabholens verstecken sie sich gern in den offenen Hütten oder Ställen und sind dabei so vorsichtig, daß ein Hase auf der vorderen, der andere auf der hinteren Seite sein Lager aufschlägt. Nahen Menschen, so laufen beide zugleich davon; ja, man hat schon öfters beobachtet, wie der zuerst die Gefahr erkennende, statt das Weite zu suchen, erst um den Stall herumlief, um seinen schlafenden Kameraden zu wecken, worauf dann beide mit einander flüchteten" [2].

Haltung im Zoo

Wegen seines auffälligen saisonalen Wechsels der Fellfarbe und zur Illustration der ökogeografischen Proportionsregel (Regel von J. A. Allen: bei gleichwarmen Tieren einer Art und Arten eines Verwandtschaftskreises ist die relative Länge der Beine, Schwänze, Ohren und Schnauze in kälteren Regionen geringer als in wärmeren Gebieten. Beispiel: Schneehase - Feldhase - Kalifornischer Eselhase) ist der Schneehase von großem zoopädagogischem Interesse. Ferner ist er ein guter Aufhänger um Fragen der globalen Erwärmung zu diskutieren.

Häufig erfolgt die Haltung in Volieren, vergesellschaftet z.B. mit Bartgeiern, Schnee- oder Steinhühnern, Alpenkrähen oder -dohlen oder kleineren Singvögeln. Das publizierte Höchstalter im Zoo beträgt im Falle des Hokkaido-Schneehasen (L. t. ainu) 11 Jahre und 3 Monate, im Falle des Alpenschneehasen 9 Jahre und 1 Monat [9].

Haltung in europäischen Zoos: Der Schneehase wird in gegen 30 Zoos gezeigt, von denen sich beinahe 2/3 im deutschsprachigen Raum befinden.

Wie Schneehasen gehalten werden (Beispiel):

  • Bartgeiervoliere im Natur- und Tierpark Goldau - siehe ZOOLEX Gallery

Mindestanforderungen an Gehege: Nach Säugetiergutachten 2014 des BMEL soll pro Paar ein Gehege von 20 m² vorhanden sein und für jedes weitere Adulttier 10 m² zusätzlich. Die Schweizerische Tierschutzverordnung (Stand 2018) schreibt seit 2008 für 2 Tiere ein Außengehege mit einer Grundfläche von 150 m² und für jedes weitere Tier 4 m² Fläche zusätzlich vor. In der früheren Fassung der Verordnung war die Anforderung 20 m² für zwei Tiere und 4 m² für jedes weitere. Weshalb eine Erhöhung um 650(!)% erfolgte, wurde nicht begründet. Die 2. Tierhaltungsverordnung Österreichs fordert eine Gehegefläche von 20 m² für ein Paar.

Taxonomie und Nomenklatur

Der Schneehase wurde 1758 von Carl von LINNÉ unter seinem heute noch gültigen Namen beschrieben. Es werden 15-16 Unterarten unterschieden, von denen bei uns namentlich der Alpenschneehase (L. t. varronis) gehalten wird (oder Tiere, bei denen der Unterart-Status nicht bekannt ist). Früher wurden auch der Alaska-Schneehase (Lepus othus) und der Arktis-Schneehase (Lepus arcticus) aus Nordamerika und Grönland zu Lepus timidus gerechnet [10; 11]

Literatur und Internetquellen

  1. ANGERMANN, R. in GRZIMEK, B. (Hrsg. 1970)    
  2. BREHM, A. E. (1882-1887)
  3. CHAPMAN, J. A. & FLUX, J. E. C. (1990)
  4. EIDG. JAGDSTATISTIK
  5. GRIMMBERGER & RUDLOFF (2009)
  6. HAUSSER, J. (1995)
  7. REHNUS, M., BOLLMANN, K., SCHMATZ, D. R., HACKLÄNDER, K. & BRAUNISCH, V. (2018)
  8. SMITH, A.T. & JOHNSTON, C.H. (2008). Lepus timidus. The IUCN Red List of Threatened Species 2008: e.T11791A3306541. http://www.iucnredlist.org/details/11791/0. Downloaded on 23 March 2018.
  9. WEIGL, R. (2005)
  10. WILSON, D. E. et al. eds. (2009-)
  11. WILSON, D. E. & REEDER, D. M. (2005)

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