Hirsche, Hirschferkel und Moschustiere

Weisslippenhirsch

Weisslippenhirsche (Cervus albirostris) im Zoo Wuppertal Weisslippenhirsche (Cervus albirostris) im Zoo Wuppertal
© Peter Dollinger, Zoo Office Bern

Überordnung: LAURASIATHERiA
Taxon ohne Rang: CETARTIODACTYLA
Ordnung: Paarzeher (ARTIODACTYLA)
Unterordnung: Wiederkäuer (Ruminantia)
Familie: Hirsche (Cervidae)
Unterfamilie: Echte Hirsche (Cervinae)
Tribus: Echthirsche im engeren Sinn (Cervini)

Red list status vulnerable

EEPWeißlippenhirsch

Cervus albirostris • The White-lipped Deer • Le cerf à museau blanc

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Weißlippenhirsch (Cervus albirostris) im Bast im Tierpark Berlin © Klaus Rudloff, Berlin

 

 

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Approximative Verbreitung des Weißlippenhirschs (Cervus albirostris)

 

 

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Weißlippenhirschkuh (Cervus albirostris) im Zoo Bojnice © Klaus Rudloff, Berlin

 

 

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Junger Weißlippenhirsch (Cervus albirostris) mit Gabelgeweih im Tierpark Berlin © Klaus Rudloff, Berlin

 

 

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Weißlippenhirschkuh (Cervus albirostris) im Tierpark Berlin © Klaus Rudloff, Berlin

 

 

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Weißlippenhirschkuh (Cervus albirostris) mit Kalb im Tierpark Berlin © Klaus Rudloff, Berlin

 

 

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Weißlippenhirsche (Cervus albirostris) , Kahlwild im Tierpark Berlin © Klaus Rudloff, Berlin

 

 

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Weisslippenhirschkuh (Cervus albirostris) unter Geburt im Zoo Wuppertal © Rüdiger Dejon, Wuppertal

 

 

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Geburt beim Weisslippenhirsch(Cervus albirostris) im Zoo Wuppertal © Rüdiger Dejon, Wuppertal

 

 

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Weisslippenhirschkuh (Cervus albirostris) mit Neugeborenem im Zoo Wuppertal © Rüdiger Dejon, Wuppertal

 

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Der in der Wildbahn gefährdete Weißlippenhirsch wird zwar in seinem Ursprungsland und verschiedenen anderen Ländern als Fleisch- und Bastgeweihlieferant kommerziell gehalten, ist aber in europäischen Zoos trotz Zuchtbuch nur selten zu sehen.

Körperbau und Körperfunktionen

Der Weißlippenhirsch ist ein großer, massiv gebauter Cervide. Männliche Tiere erreichen eine Kopf-Rumpf-Länge von 190-200 cm, eine Schulterhöhe von 120-130 cm und ein Gewicht von 190-220 kg, Kühe eine Kopf-Rumpf-Länge von etwa 180 cm, eine Schulterhöhe von 110-120 cm und ein Gewicht von 90-150 kg. Der kurze Schwanz misst etwa 10-12 cm. Der Kopf ist relativ kurz. die Schnauze breit, die Voraugendrüse groß, die Tränengrube etwa doppelt so groß wie beim Rothirsch, die Ohren lang und spitz. Das Geweih ist breit ausladend, es hat bis zu 10-12 Enden und bildet keine Krone. Der Rumpf ist gedrungen und hinten etwas überbaut. Die Beine sind relativ lang, die Klauen rinderartig breit, die Afterklauen lang und kräftig. An den Hinterbeinen befinden sich gut entwickelte Metatarsaldrüsen. Das Fell ist dicht und rau, im Winter etwa doppelt so lang wie im Sommer. Das Sommerfell ist graubraun, das Winterfell braunschwarz. Die Haare um den Nasenspiegel, auf den Lippen, am Kinn und an der Kehle sind weiß, um die Augen hat es helle Ringe, der Spiegel ist gelb [1; 5; 9].

Verbreitung

Zentralasien: China im Osten des Tibetplateaus (Autonome Region Tibet, Provinzen Qinhai, Ganzu, Sichuan und Yunnan) [2; 6].

Lebensraum und Lebensweise

Der Weißlippenhirsch ist ein Gebirgstier. Er besiedelt in Höhenlagen von 3'500-5'100 m Rasen, Zwergstrauch- und Strauchgürtel der alpinen Stufe mit Rhododendren und Weiden sowie subalpinen Nadelwald, im Winter geht er etwas tiefer. Seine Nahrung besteht hauptsächlich aus Gräsern, Seggen, Kräutern, Flechten sowie Rinde und Blätter von Bäumen und Sträuchern. Die soziale Organisation entspricht jener der Rothirsche, d.h. Mutterfamilien, die sich saisonal zu Kahlwildrudeln bis zu 200-300 Tieren zusammenschliessen können, männliche Tiere in Junggesellenverbänden und als Einzelgänger sowie Haremsbildung während der Brunft, die hauptsächlich auf Oktober fällt. Nach einer mittleren Tragzeit von 246 Tagen wird zwischen Ende Mai und Anfang Juli ein einzelnes Kalb geboren, selten zwei. Die Jungen sind bei der Geburt 8-9 kg schwer und tragen ein geflecktes Jugendkleid, dessen Flecken mit etwa anderthalb Monaten zu verblassen beginnen. Sie werden mit 18-30 Monaten geschlechtsreif, die Jungbullen kommen aber selten zur Fortpflanzung bevor sie 4-5 Jahre alt sind. [2; 9].

Gefährdung und Schutz

Der Weißlippenhirsch wird seit 1990, letztmals überprüft 2014, als gefährdet beurteilt, da seine Gesamtpopulation in den letzten 20 Jahren um mehr als 30 % zurückgegangen ist und nur noch wenige Tausend Individuen umfasst. Dies, weil die Bestände übernutzt werden, der Lebensraum zerstört und somit auch das Artareal verkleinert und fragmentiert wird (Rote Liste: VULNERABLE). In der nationalen Roten Liste Chinas ist er als stark gefährdet eingestuft [2; 6].

Der internationale Handel ist unter CITES nicht geregelt.

Bedeutung für den Menschen

Der Weißlippenhirsch wird zur Gewinnung von Fleisch sowie von Bastgeweihen (Panten, Deer Velvet) für die Zwecke der traditionellen Chinesischen Medizin gejagt und in China und anderswo in Farmen gezüchtet. Wegen Überproduktion in Neuseeland kollabierte der Preis für Bastgeweihe und viele der in den 1970/80er-Jahre gegründeten chinesischen Hirschfarmen mussten gegen 1990 schließen [2].

Haltung

WEIGL gibt als Höchstalter 21 Jahre und 2-3 Monate für zwei im San Diego-Zoo geborene weibliche Tiere an [7].

Haltung in europäischen Zoos: Um 1970 wurde der Weißlippenhirsch einzig im Zoo von Peking gehalten [1]. Der europäische Zoobestand geht auf wenige Importe zurück, die ab 1990 getätigt wurden. Heute wird die Art wird in etwa einem Dutzend Zoos gezeigt. Für Details siehe Zootierliste.

Es gibt ein Europäisches Zuchtbuch (ESB), das am Warschauer Zoo geführt wird. Die europäische Erstzucht gelang 1991 dem Tierpark Berlin.

Forschung im Zoo: Wie bei anderen seltenen oder in schwer zugänglichen Regionen lebenden Tieren stammen unsere Kenntnisse über die Art zu einem guten Teil von in Zoos gehaltenen Individuen. So wurde an den Weißlippenhirschen des Tierparks Berlin festgestellt, dass die Kälber, die wie für Hirsche typisch „Ablieger“ sind, während der ersten zwei Lebenswochen fast auschließlich Kontakt mit ihrer Mutter haben. Danach werden die Kontakte zwischen den Kälbern des Rudels stärker. Etwa im Alter von einem Monat endet die „Ablieger“-Periode und die Jungtiere schließen sich, alle gleichzeitig, dem Rudel an. Auch beim Beginn der Aufnahme von Festnahrung wurde eine solche Synchronisation zwischen den Kälbern beobachtet [4].

Im Zoo Wuppertal wurden Untersuchungen über den Einfluss psychoneuroimmunologischer Faktoren auf die Parasitierung mit intestinalen Protozoen durchgeführt [3].

Mindestanforderungen an Gehege: Das Säugetiergutachten 2014 des BMEL gibt für eine Gruppe bis zu 5 Tieren ein Gehege von 400 m² vor und für jedes weitere Adulttier 20 m² mehr.

Die Schweizerische Tierschutzverordnung (Stand 2019) schreibt für bis zu 6 Tiere ein Gehege von 800 m² mit Abtrennmöglichkeit und natürlichen oder künstlichen, allen Tieren gleichzeitig Platz bietenden Unterständen vor. Für jedes weitere Adulttier ist die Fläche um 80 m² zu erweitern.

Die 2. Tierhaltungsverordnung Österreichs fordert für bis zu 5 Tiere ein Gehege von 800 m² mit Abtrennmöglichkeit und Unterständen. Für jedes weitere Adulttier ist die Fläche um 80 m² zu erweitern. Bei extensiver Haltung ist für 5 Tiere eine Fläche von 10'000 m² vorzusehen, für jedes weitere Tier 1'000 m² mehr - was allerdings für den Erhalt der Grasnarbe mehr als knapp ist.

Taxonomie und Nomenklatur

Die Art wurde 1883 vom russischen Offzier und Forschungsreisenden Nikolai Michailowitsch PRZEWALSKI unter ihrem heute noch (bzw. wieder) gültigen Namen erstmals wissenschaftlich beschrieben. Der russische Zoologe B. A. FLEROV stellte sie 1930 in die eigene Gattung Przewalskium, wo sie bis vor wenigen Jahren verblieb. Es gibt keine Unterarten. Das Synonym Cervus thoroldi und der englische Name "Thorold's Deer" nehmen Bezug auf den britischen Militärarzt W. G. THOROLD, der 1879 zwei Belegexemplare beschaffen konnte, die er an das Britische Museum schickte [2; 8; 9].

Literatur und Internetquellen

  1. GRZIMEK, B. (ed., 1970)
  2. HARRIS, R.B. (2015). Cervus albirostris. The IUCN Red List of Threatened Species 2015: e.T4256A61976756. http://www.iucnredlist.org/details/4256/0. Downloaded on 26 May 2018.
  3. JEZYSCHEK, M. (2012)
  4. KRAUSE, F., WALLSCHLÄGER, D. & KERN, C. (2011)
  5. PUSCHMANN, W., ZSCHEILE, D., & ZSCHEILE, K. (2009)
  6. SMITH, A. T. & XIE, Y. (Hrsg., 2008)
  7. WEIGL, R. (2005)
  8. WILSON, D. E. et al. eds. (2009-)
  9. WILSON, D. E. & REEDER, D. M. (2005)

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Gelesen 3348 mal Letzte Änderung am Freitag, 16 Oktober 2020 13:03
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