Hirsche, Hirschferkel und Moschustiere

Kleinkantschil

Kleinkantschil (Tragulus javanicus) im Zoo Frankfurt Kleinkantschil (Tragulus javanicus) im Zoo Frankfurt
© Peter Dollinger, Zoo Office Bern

Überordnung: LAURASIATHERiA
Taxon ohne Rang: CETARTIODACTYLA
Ordnung: Paarzeher (ARTIODACTYLA)
Unterordnung: Wiederkäuer (Ruminantia)
Familie: Hirschferkel (Tragulidae)

Red list status data deficient

EEPKleinkantschil

Tragulus javanicus • The Java Mouse-deer • Le chevrotain de Java

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Kleinkantschil (Tragulus javanicus) mit Kitz im Zoo Zürich © Claudia Invernizzi, Zoo Zürich

 

 

 

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Verbreitung des Kleinkantschils (Tragulus javanicus). Dunkelblau: autochthone Population; rot: mögliches Vorkommen auf Bali

 

 

 

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Männlicher Kleinkantschil (Tragulus javanicus) im Kölner Zoo © Klaus Rudloff, Berlin

 

 

 

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Kleinkantschil (Tragulus javanicus) im Zoo Frankfurt © Klaus Rudloff, Berlin

 

 

 

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Kleinkantschil (Tragulus javanicus) mit Kitz im Zoo Zürich © Peter Bolliger, Zoo Zürich

 

 

 

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Kleinkantschile (Tragulus javanicvus) im Zoo Posen © Klaus Rudloff, Berlin

 

 

 

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"Kanjil (Tragulus Kanchil"). Illustration aus BREHMs Thierleben (1882-1887)

 

 

 

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Eines von mehreren Kinderbüchern mit einem Kleinkantschil als Protagonisten

 

 

 

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Wegen seiner besonderen systematischen Stellung und seiner anatomischen Besonderheiten ist der Kleinkantschil zoopädagogisch von Interesse. Da er als "Mini-Reh" das Publikum anspricht, sich ohne allzu große Schäden in bepflanzen Tropenhallen halten und problemlos mit anderen Arten vergesellschaften lässt, ist er auch ein geeigneter Botschafter für den Schutz der zunehmend bedrohten Regenwälder Südostasiens. Obwohl seine Haltung durch ein Zuchtprogramm gefördert wird, ist er in europäischen Zoos nicht sehr häufig zu sehen, was zumindest teilweise auf einen Seuchenzug zurückzuführen ist.

Körperbau und Körperfunktionen

Der Kleinkantschil ist eines der kleinsten Huftiere und das kleinste, das regelmäßig in europäischen Zoos zu sehen ist. Seine Kopf-Rumpflänge beträgt (40-)45 bis 55 cm, der Schwanz ist 4-6 cm lang, die Schulterhöhe misst 20 bis 25 cm, das Gewicht liegt zwischen 1.7 und 2.1 (1.5-2.5) kg. Er ist ein typischer Schlüpfer mit spitz zulaufendem Kopf, nur bleistiftdicken Beinen und rundlichem, hinten überbautem Körper. Er hat einen schwarzen Nasenspiegel, große Augen und kurze Ohren. Die oberen Eckzähne sind vor allem bei den Männchen hauerartig vergrößert. Die Zunge ist lang, mit ihr können die Tiere locker auch ihre Augen abwischen. Beide Geschlechter haben eine Kinndrüse (Interramaldrüse) und weitere Duftdrüsen im Analbereich, die Böckchen auch eine Präputialdrüse. Das Fell ist an der Oberseite orangebraun gefärbt, größtenteils mit schwarzer Sprenkelung. Unterseite und Beine sind heller, die Schwanzunterseite ist weiß, Unterkiefer, Halsunterseite und Brust tragen auffällige weiße Abzeichen [2; 7; 12].

Verbreitung

Indonesien : Java. Es liegt auch ein Bericht über eine Beobachtung im Bali Barat National Park vor, aber es ist ungewiss, ob es sich um autochthone oder eingeführte Tiere handelt [1].

Lebensraum und Lebensweise

Den Lebensraum der Kleinkantschile bildet das dichte Unterholz von primären und sekundären Tieflandwäldern, bevorzugt in der Nähe von Wasserläufen. Hier suchen sie ihre aus Blättern, Knospen, jungen Trieben, Blüten und herunter gefallenen Früchten bestehende Nahrung. Die Tiere leben als Einzelgänger oder monogam in Paaren, ihre Territorien markieren sie u.a. mit dem Sekret der Drüse am Unterkiefer [1; 7; 12].

Die Jungen – meist eines, selten Zwillinge – werden nach einer Tragzeit von etwa 132 – 136 Tagen mit einem Gewicht von 150 – 250 Gramm geboren. Auch wenn sie schon kurz nach der Geburt stehen und laufen können, werden sie von der Mutter in den ersten Tagen an einem geschützten Ort abgelegt. Hier sucht sie die Mutter nur zum Säugen auf. Das Säugen findet im Stehen statt, die Mutter hebt dabei das dem Jungtier zugewandte Hinterbein in die Höhe, um den Zugang zum Gesäuge zu erleichtern. Im Alter von ca. 2 Wochen beginnt das Jungtier, auch feste Nahrung zu sich zu nehmen. Die Jungen werden etwa 3 Monate gesäugt und sind mit etwa 5 Monaten geschlechtsreif. In diesem Alter müssen sie auch das Territorium der Eltern verlassen. Eine Besonderheit der Fortpflanzung bei dieser Art besteht darin, dass die Weibchen schon kurz nach der Geburt erneut begattet werden und so praktisch ihr Leben lang trächtig sind [6; 7; 12].

Gefährdung und Schutz

Ausreichende Angaben zur Gefährdung fehlen, einerseits, weil wenig Informationen aus dem Freiland verfügbar sind, andererseits weil noch nicht definitiv geklärt ist, ob es eine oder mehrere Arten von Kantschilen auf Java gibt (Rote Liste: DATA DEFICIENT) [1].

Der internationale Handel ist unter CITES nicht geregelt.

Bedeutung für den Menschen

Wirtschaftliche Bedeutung: Kleinkantschile werden hauptsächlich mit Schlingen zur Fleischgewinnung gefangen oder auch mit Hunden gejagt. In Indonesien gelangen sie oft auch lebend als Heimtiere in den nationalen Handel [1].

Kulturelle Bedeutung: Im indonesisch-malaiischen Raum gilt der Kntschil sprichwörtlich als besonders listig und ist Gegenstand von Volksmärchen [2]. In Europa sind deutsch- und englischsprachige Kinderbücher von verschiedenen Autoren im Umlauf, in denen ein Kantschil die Hauptrolle spielt.

Haltung

Kantschile werden in vielen Zoos freilaufend in Tropenhallen gehalten, wo sie z.B. mit Flughunden, Plump- oder Schlankloris, Baumfröschen, Gekkos, Schildkröten und diversen Vögeln vergesellschaftet werden können. Das Bodensubstrat sollte weich (kein Sand) und die bodennahe Bepflanzung dicht sein, wobei gelegentliche Nachpflanzungen erforderlich sein können. Die Haltung kann paarweise oder in kleinen Haremsgruppen erfolgen [6].

Das Höchstalter wird mit 14 Jahren für je ein in Aalborg und in Zürich geborenes Tier angegeben [11].

Haltung in europäischen Zoos: Die Art wird in rund zwei Dutzend Zoos gehalten, von denen sich etwa ein Viertel im deutschsprachigen Raum befinden. Für Details siehe Zootierliste.

Es gibt ein Europäisches Erhaltungszuchtprogramm (EEP), das vom Amsterdamer Zoo koordiniert wird.

Im ersten Fasanenhäuschen des Kölner Zoos war ein Paar Kleinkantschile untergebracht. Bereits 1861 konnte Direktor Bodinus dem Herausgeber der Fachzeitschrift „Der Zoologische Garten“ mitteilen, dass es Nachwuchs und damit eine Welterstzucht gegeben habe [5].

Der Zoo Zürich importierte seine ersten Kleinkantschile 1972 von zwei verschiedenen Quellen in Südostasien. Ansonsten wurde die Art damals nur in Berlin und vermutlich Amsterdam gehalten. 1987 wurde für das Kleinkantschil eines der ersten Erhaltungszuchtprogramme eingerichtet. Der Bestand entwickelte sich vorerst gut, allein in Zürich kamen bis 2002 123 Jungtiere zur Welt. Als Folge einer eingeschleppten Infektion mit dem Bovine Virusdiarrhoe-Virus [8] halbierte sich der europäische Bestand im Zeitraum 1999-2003 von rund 100 auf etwa 50 Tiere.

Forschung im Zoo: Kleinkantschile sind gelegentlich Gegenstand von Forschungsarbeiten, die darauf abzielen, entweder unser Grundlagenwissen zu erweitern oder die Haltungsbedingungen zu verbessern [7; 8; 9].

Wie Kleinkantschile gehalten werden (Beispiele):

Mindestanforderungen an Gehege: Das Säugetiergutachten 2014 des BMEL gibt für zwei Kantschile ein Außengehege von mindestens 20 m² und ein Innengehege von 6 m² vor. Für jedes weitere Tiert sind die Flächen außen und innen um jeweils 2 m² zu erweitern. Das Gutachten beschreibt die Kantschile als dämmerungs- und nachtaktiv. Das ist falsch. Richtig ist, dass sie  ein polyphasisches Aktivitätsmuster haben. Nachdem sie das Gutachten auch als „ kälte- und zugempfindlich und nicht akklimatisierbar“ charakterisiert, macht es wenig Sinn, dass ein Außengehege vorgegeben wird. Das Raumangebot scheint ohnehin von untergeordneter Bedeutung zu sein [10], als Versuchstiere gehaltene und gezüchtete Kleinkantschile kamen mit 0.5 m² zurecht [3].

Die Schweizerische Tierschutzverordnung (Stand 2019) schreibt für bis zu 2 Tieren ein Außengehege mit einer Fläche von 20 m² und ein Innengehege von 6 m² vor. Für jedes weitere Tier kommen innen 2 m² zur Basisflächen, eine entsprechende Angabe für das Außengehege fehlt. In der Vorgängerverordnung war kein Außengehege vorgesehen.

Nach der 2. Tierhaltungsverordnung Österreichs (Stand 2019) müssen die Tiere paarweise oder in kleinen Familiengruppen gehalten werden. Für 2 Tiere ist ein Innengehege von 30 m² erforderlich, für jedes weitere 3 m² mehr. Die Temperatur muss mindestens 18ºC betragen.

 Taxonomie und Nomenklatur

Pehr OSBECK (1723-1805), ein Schüler von Carl von LINNÉ, veröffentlichte 1757 als erster unter dem Namen Cervus javanicus eine Beschreibung von Kantschilen aus dem Gebiet des heutigen Udjong Kulon-Nationalparks. Seine Beschreibung, die 1765 aus dem Lateinischen ins Deutsche übersetzt wurde, veranlasste aber spätere Autoren zur Annahme, er habe keinen männlichen Kleinkantschil, sondern einen weiblichen Großkantschil vor sich gehabt. In der Folge wurde der Kleinkantschil Tragulus kanchil  RAFFLES 1821, der Großkantschil Tragulus javanicus  OSBECK 1765 genannt. Der ehemalige Direktor des Rotterdamer Zoos, A.C.V. van BEMMEL widerlegte jedoch die dieser Taxonomie zugrunde liegende Annahme, dass beide Arten sympatrisch auf Java vorkämen, und schlug vor, beim Kleinkantschil auf den ursprünglichen Namen zurückzukommen und den Großkantschil Tragulus napu  CUVIER 1822 zu nennen. Dies geschah. Hinzu kam noch der Indische Kantschil Tragulus meminna. Heute haben wir allerdings die Situation, dass der Indische Kantschil als Moschiola in drei Arten und javanicus / napu  in neun Arten aufgeteilt wurden. Die seit den 1970er Jahren bei uns lebenden Kantschile werden als javanicus bezeichnet, aber ob das nach neuer Taxonomie stimmt, weiß niemand so genau [1; 4; 7; 12].

Literatur und Internetquellen

  1. DUCKWORTH, J.W. et al. (2015). Tragulus javanicus. The IUCN Red List of Threatened Species 2015: e.T41780A61978138. http://www.iucnredlist.org/details/41780/0. Downloaded on 25 May 2018.
  2. GRZIMEK, B. (Hrsg. 1970)
  3. KUDO, H., FUKUTA, K., IMAI S., DAHLAN, I., ABDULLAH, N., HO, H.W. & JALALUDIN, S. (1997)
  4. MEIJAARD; E. & GROVES, C. P. (2004)
  5. PAGEL, T. (2010)
  6. PUSCHMANN, W., ZSCHEILE, D., & ZSCHEILE, K. (2009)
  7. ROBIN, N. P. (1979)
  8. SCHILCHER, B. (2010)
  9. SEMRAU, A. (2010)
  10. SEMRAU, A., VERSTAPPEN, F., WOLTERS, M., SZÁNTHO & HOYER, M. (2010)
  11. WEIGL, R. (2005)
  12. WILSON, D. E. et al. eds. (2009-)

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Gelesen 2070 mal Letzte Änderung am Freitag, 16 Oktober 2020 07:39
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