Tiere kommen und gehen

Populationsmanagement

Alterspyramide der Mendesantilopen, EEP-Population 2011 Alterspyramide der Mendesantilopen, EEP-Population 2011
Heiner Engel, Zoo Hannover

 

 

Als nach dem Zweiten Weltkrieg die Prinzipien der Tiergartenbiologie auf breiterer Basis umgesetzt wurden, wurde die dauerhafte Haltung und Zucht vieler Tierarten, die früher als "nicht haltbar" gegolten hatten, plötzlich zur Selbstverständlichkeit. Weil als Folge des Wirtschaftswunders ständig neue Zoos gegründet wurden, war der Absatz der Jungtiere vorerst kein Problem. Mit der Zeit wurde es aber immer schwieriger, Nachzuchttiere an geeignete Haltungen abzugeben. Hinzu kam, dass in Deutschland das Töten von "überzähligen" gehaltenen Wildtieren aus Gründen des Populationsmanagement nicht als "vernünftiger Grund" im Sinne des Tierschutzgesetzes akzeptiert ist, dies im Gegensatz zum Töten wildlebender Tieren, wo Bestandsregulierung mit der Büchse nicht nur akzeptiert ist, sondern unter Umständen sogar angeordnet und auch ohne Einverständnis des Jagdausübungsberechtigten durchgeführt werden kann [2; 4].

Da der Nachschub aus der Wildbahn durch Internationale Artenschutzregelungen und immer strenger werdende Veterinärvorschriften der EU zunehmend eingeschränkt wurde, sahen sich die Zoos mit dem Problem konfrontiert, eine Eigenversorgung aufzubauen und gleichzeitig die Zahl der nicht platzierbaren Jungtiere soweit als möglich zu minimieren. Dazu bedurfte es einerseits der Einrichtung gesamteuropäischer Erhaltungszuchtprogramme, andererseits der Erarbeitung von Entscheidungshilfen für die Regulierung von Zootierpopulationen [2]. Der VdZ verabschiedete 2001 ein Positionspapier über "Ethische und rechtliche Fragen der Regulierung von Tierpopulationen im Zoo". Die am Rigi-Symposium beteiligten Zoos diskutierten 2003 die Bedeutung von Fortpflanzung und Aufzucht von Zootieren und einigten sich auf ein Konsenspapier [1]. Am 24. Juli 2008 nahmen dann die Mitglieder des VdZ in einer postalische Abstimmung Leitlinien zur Regulierung von Tierpopulationen an. 2011 widmete der Weltverband der Zoos und Aquarien WAZA dem Thema ein ganzes Magazin [6]. Auch der Europäische Zooverband EAZA fasste diverse Beschlüsse, etwa 2015 zum Töten nichtplatzierbarer Tiere, und gab 2019 ein dreihundertseitiges Handbuch zu diesem Thema heraus [3].

Allgemein gilt das Prinzip, dass Tiere zu halten sind, dass sie in angemessener Weise ihre Bedürfnisse befriedigen und ihre natürlichen Verhaltensweisen ausleben können. Ziel sind gesunde, sich selbst erhaltende Tierbestände, die allenfalls auch als Reservepopulationen für ihre im Freiland bedrohten Artgenossen dienen können [5].

Mittels Populationsmanagements soll also die langfristige Erhaltung von genetisch vielfältigen Zuchtgruppen unter Berücksichtigung der limitierten Haltungskapazitäten erreicht werden. Maßnahmen wie Empfängnisverhütung oder Tötung, sind unter diesem Gesichtspunkt zu betrachten. Die demographische Entwicklung einer Population soll der klassischen Alterspyramide entsprechen. Dazu müssen in den Altersklassen der zuchtfähigen und künftig zuchtfähigen Tiere Individuen beiderlei Geschlechts in ausreichender Anzahl vorhanden sein. Allerdings kann selbst bei nach wissenschaftlich konzipierten Zuchtprogrammen nicht immer für jede einzelne Tierart sichergestellt werden, dass die gewollte Anzahl bzw. das gewollte Geschlecht nachgezogener Tiere entsteht.

Tiere können nur dann nachhaltig gezüchtet werden, wenn je nach Art spezifische Bestandsgrössen gegeben sind. Das erreichen Zoos, indem sie regional oder weltweit zusammenarbeiten und ihre Tiere als Teile von Zuchtpopulationen managen. Koordinierte Zuchtprogramme haben deshalb zunehmend Einfluß auf die Tierbestände der Zoos. Für eine nachhaltige Zucht sind fördernde bzw. einschränkende Maßnahmen (Auslese) notwendig. Dabei sind folgende Aspekte zu berücksichtigen:

Fortpflanzung bereichert das Leben der Tiere. Ene Verhinderung der Fortpflanzung kann mit Leiden verbunden sein. Sie kann auch zu anhaltender Sterilität führen und deshalb im Rahmen von Zuchtprogrammen nicht geeignet sein. Derzeit ist aber das Verhältnis der Geschlechter und, bei vielen Tierarten, die Wurfgröße nicht beeinflussbar, es werden also zwangsläufig überzählige Tiere geboren - so wie es im Freiland auch geschieht. Da natürliche Bestandsregulierung in Zoopopulationen praktisch keine Rolle spielt, bleiben Zoos folgende Möglichkeiten zur Begrenzung der Bestände:

Tierabgabe

Tiere sollen nur an Tierhaltungen abgegeben werden, die sie angemessen unterbringen können und die über entsprechend ausgebildetes Personal verfügen. Wenn es ein Zuchtprogramm gibt, soll die Abgabe den Empfehlungen der die Zucht koordinierenden Einrichtungen folgen. Dieses kann die Möglichkeiten einer Institution, Tiere abzugeben, erheblich einschränken bzw. unmöglich machen.

Kontrazeption

Empfängnisverhütung kann zur Begrenzung der Tierzahlen und zum genetischen Management von Populationen eingesetzt werden. Bei der Entscheidung über die Wahl von Methoden zur Zuchtverhinderung sind die möglichen Auswirkungen auf die Tiergesundheit des Individuums, das Sozialverhalten und die Populationsentwicklung zu bedenken. Es ist beispielsweise darauf zu achten, dass nicht durch zu lange durchgeführte Kontrazeption eine Überalterung der Zoopopulationen erfolgt.

Schmerzfreies Töten

Überzählige Tiere dürfen getötet werden, wenn nach sorgfältiger Prüfung eine Haltung, die eine angemessene Lebensqualität bietet, nicht gewährleistet werden kann. Die Tötung der Tiere muss angst- und schmerzfrei erfolgen. Zoos haben eine Güterabwägung vorzunehmen und die hierbei zu treffenden Entscheidungen auf dem Stand der biologischen Wissenschaften zu treffen. Dabei sind die geltenden Gesetze, die anerkannten Regeln der Zuchtprogramme, die Welt-Zoo- und Aquarium-Naturschutzstrategie sowie gesellschaftlich anerkannte Gründe für das Töten von Tieren zu berücksichtigen.

Künstliche oder natürliche Aufzucht

Grundsätzlich sind natürliche Aufzuchten den künstlichen vorzuziehen; nur die Elternaufzucht stellt die Weitergabe von nicht genetisch fixiertem Verhalten sicher. Je nach Tierklasse/Tierart und Methode der künstlichen Aufzucht kann es zu Verhaltensproblemen kommen, die nicht kompensiert werden können. Künstliche Aufzuchten sollen deshalb, insbesondere bei Säugetieren, grundsätzlich nur in begründeten Fällen vorgenommen werden, etwa bei niedrigen Nachzuchtraten oder geringem Aufzuchterfolg durch die Elterntiere.

Die Entscheidung für oder gegen Handaufzucht erfolgt stets im Einzelfall, wobei der die Belange des Tieres, die Belange und Möglichkeiten des Betriebes und die Auswirkungen auf die Population zu berücksichtigen sind. Wenn es ein Zuchtprogramm gibt, sollten die zuchtkoordinierenden Einrichtungen in die Entscheidungsfindung einbezogen werden.

 Literatur und Internetquellen

  1. DOLLINGER, P. (Hrsg., 2003)
  2. DOLLINGER, P. (2014)
  3. EAZA POPULATION MANAGEMENT MANUAL
  4. HILDEBRANDT, G., PERRET, K., EULENBERGER, K., JUNHOLD, J. & LUY, J. (2012
  5. WAZA CODE OF ETHICS AND ANIMAL WELFARE
  6. WAZA MAGAZINE (2011)

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Gelesen 344 mal Letzte Änderung am Donnerstag, 11 März 2021 07:45
© Peter Dollinger, Zoo Office Bern hyperworx