Zootierhaltung

Grundsätze

Gepard (Acinonyx jubatus) im Kölner Zoo in naturnah gestaltetem Gehege Gepard (Acinonyx jubatus) im Kölner Zoo in naturnah gestaltetem Gehege
© Kölner Zoo

Was ist ein Zoo und was muss er leisten?

 

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"NIcht jede Ansammlung von Käfigen ist ein Zoo" - Klein"zoo" in Vietnam. Bildarchiv Zoo Office Bern

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Der Zoo ist ein naturnaher Erholungsraum für die städtische Bevölkerung. Hier Besucher in der Nebelwald-Anlage des Zoo Zürich © Peter Dollinger, Zoo Office Bern

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Der Zoo ermöglicht Begegenungen mit Tieren. Hier im Natur- und Tierpark Goldau © Peter Dollinger, Zoo Office Bern

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Solche Begegnungen im Kleinkindalter vermögen das Verhälthis eines Menschen zum Tier lebenslang zu prägen. Hier in der Siky Ranch, Crémines BE © Peter Dollinger, Zoo Office Bern

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Der Zoo ist eine naturkundliche Bildungsstätte. Hier Präsentation einer Vogelspinne in der Zooschule Heidleberg © Peter Dollinger, Zoo Office Bern

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Zoos vermitteln auch dem breiten Publikum naturkundliche Bildung. Hier im Zoo "La Palmyre" in Les Mathes © Peter Dollinger, Zoo Office Bern

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Zoos betreiben oder ermöglichen Forschung. Von 2008-2018 erschienen in begutachteten wissenschaftlichen Zeitschriften mindestens 1'058 Veröffentlichungen, an denen VdZ-Zoos beteiligt waren, sowie 359 wissenschaftliche Beiträge in den Verhandlungsberichten der Arbeitstagung der Zootierärzte, darüber hinaus wurden von 2008-2015 mindestens 350 Habilitations-, Doktor-, Diplom- und sonstige Examensarbeiten verfasst und angenommen [6; 8; 10]..

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Zoos sind Horte lokaler Biodiversität. Zum Beispiel wurden im nur 11.6 ha großen Zoo Basel über 3'100 wildlebende Tier und Pflanzenarten "zwischen den Gehegen" nachgewiesen. Hier ein Amphibienteich im Tierpark Herborn © Peter Dollinger, Zoo Office Bern

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Zoos engagieren sich für Natur- und Artenschutz. Weltweit führen sie über 1'500 Zuchtbücher, allein der Europäische Zoo- und Aquarienverband hat Erhaltungszuchtprogramme für über 400 Arten. 50 Arten und rund 20 wichtige Unterarten haben nur in Zoos überlebt. Mehr als 200 völlig oder regional ausgestorbene Arten konnten aus Zoobeständen wiederangesiedelt werden.Hier Wiederansiedlung von Steinwild in den Julischen Alpen © Peter Dollinger, Zoo Office Bern

„Zoo“ ist weder ein klar definierter noch ein geschützter Begriff und daher auch keine Garantie für Qualität. Jeder, der Tiere hält, und sei es zum Verkauf, kann sich „Zoo“ nennen. Im Sinne der sehr weit gefassten Definition der EU-Richtlinie 1999/22/EG des Rates über die Haltung von Wildtieren in Zoos [9] gibt es weltweit geschätzte 12'000-15'000 Einrichtungen, die als „Zoo“ gelten würden. Von diesen Einrichtungen sind lediglich etwa 1'500 in Zoo- und Aquarienvereinigungen organisiert. Ihr Selbstverständnis ist ein anderes [1]:

Sie folgen Heini HEDIGER (1908-1992), einem Schweizer Zoologen, der nacheinander den Natur- und Tierpark Goldau beriet und den Tierpark Bern, den Zoo Basel und den Zoo Zürich leitete. Dieser hat 1973 lapidar gesagt: "nicht jede Anhäufung von Tieren ist ein Zoo" und hat zusammengefasst, welche Aufgaben eine Einrichtung erfüllen muss, wenn sie sich zurecht "Zoo" nennen will [5]:

  • Ein Zoo muss der Bevölkerung als Erholungsraum dienen. Er bildet einen psychohygienisch höchst wichtigen Bestandteil des menschlichen Grossstadt-Biotopes.
  • Er hat die volkstümliche Belehrung des breiten Publikums zu fördern.
  • Ein Zoo hat seinen Tierbestand auch wissenschaftlich auszuwerten und sich an der Forschung aktiv zu beteiligen, und zwar nicht nur hinsichtlich der Rezepte für die optimale Haltung und Züchtung bestimmter bevorzugter Arten, sondern auch im Hinblick auf die weitreichenden Folgen der «Umkehr des Lebensraumes», d. h. der noch viel zu wenig beachteten Tatsache, dass die Wildtiere aus ihren ursprünglichen Biotopen durch die fortschreitende Technik immer mehr verdrängt werden, in immer grösserer Zahl aber in den Metropolen in Neo-Biotopen und Parkarealen gehalten werden.
  • Der Zoo muss sich in den Dienst des Naturschutzes stellen, u. a. auch durch Asylgewährung an bedrohte Tierarten und deren Wiedereinbürgerung.

Die Europäische Union hat 1999 die Anforderungen HEDIGERS an Zoos wie folgt in ihre Zoo-Richtline [9] wiedergegeben:

  • Sie beteiligen sich an Forschungsaktivitäten, die zur Erhaltung der Arten beitragen, und/oder an der Ausbildung in erhaltungsspezifischen Kenntnissen und Fertigkeiten und/oder am Austausch von Informationen über die Artenerhaltung und/oder gegebenenfalls an der Aufzucht in Gefangenschaft, der Bestandserneuerung oder der Wiedereinbürgerung von Arten in ihren natürlichen Lebensraum.
  • Sie fördern die Aufklärung und das Bewusstsein der Öffentlichkeit in bezug auf den Erhalt der biologischen Vielfalt, insbesondere durch Informationen über die zur Schau gestellten Arten und ihre natürlichen Lebensräume.
  • Sie halten ihre Tiere unter Bedingungen, mit denen den biologischen und den Erhaltungsbedürfnissen der jeweiligen Art Rechnung getragen werden soll ...

Auch der Weltverband der Zoos und Aquarien (WAZA) hat 2005 die Postulate HEDIGERS in seine Welt-Zoo-und Aquarium-Naturschutzstrategie übernommen mit der Maßgabe, dass Erholung, Bildung und Forschung sich dem Natur- und Artenschutz unterordnen und dass die von der EU nicht berücksichtigte Erholungsfunktion dazu dienen soll, die Besucher für die Belange des Natur- und Artenschutzes zu sensibilisieren [7].

Zoologische Gärten, die zum WAZA-Netzwerk gehören, im deutschsprachigen Raum rund 300, halten also ihre Tiere nach den Erkenntnissen der Tiergartenbiologie, der von HEDIGER im Jahr 1942 begründeten Fachrichtung, die ein Grenzgebiet unterschiedlichster wissenschaftlicher Disziplinen mit einem Bezug zur Haltung von Tieren in Menschenobhut darstellt. Dazu gehören z.B. Zoologie, Botanik, Tiermedizin, Ethologie, Genetik, Ernährungslehre, Ökologie, Zoogeografie, Humanpsychologie, also alles, was im Zoo von biologischer Relevanz ist. Die Tiergartenbiologie sucht diese unterschiedlichen Disziplinen zu einer Einheit zu synthetisieren. Sie liefert einerseits die Grundlagen für die optimale Haltung von Wildtieren im Zoo und erforscht und formuliert andererseits die besonderen biologischen Gesetzmäßigkeiten, die sich aus der Zootierhaltung für Tier und Mensch ergeben [4].

Im Rahmen des Weltverbandes (WAZA) sowie des Europäischen Verbandes der Zoos und Aquarien (EAZA) wurden darüber hinaus ethische Richtlinien verabschiedet, welche die Zoos u. a. verpflichten, dem Wohlergehen der ihnen anvertrauten Tiere jederzeit höchste Priorität einzuräumen. Gesetzliche Vorgaben im Tierschutz sollten sie stets als Mindestanforderungen betrachten und danach streben, ihre Tieren möglichst optimale Lebensbedingungen zu bieten. Angemessene Pflegebedingungen sind zwingend und eine gute tierärztliche Versorgung muss vorhanden sein.

Entsprechend der Forderung der Welt-Zoo- und Aquarium-Naturschutzstrategie sind die Zoos bestrebt, das Zooerlebnis als Vehikel zu nutzen, um die Besucher für Fragen des Natur- und Umweltschutzes zu sensibilisieren und insbesondere auf die Gefährdung von Tierarten und ihrer Umwelt hinzuweisen. Die lebenden Tiere sind also die Mittel, mit denen der Zoo seine Ziele zu erreichen sucht. Entscheidend ist dabei die Art der Tierhaltung. Diese muss nicht nur die Bedürfnisse der Tiere möglichst optimal befriedigen, sondern auch der Wahrnehmung des Publikums Rechnung tragen, denn dieses will die Tiere in einer möglichst natürlich wirkenden Umgebung erleben.

Wie keine andere Institution können Zoos dazu beitragen, eine Mensch-Tier-Bindung aufzubauen. Bei Kindern und Jugendlichen wurde festgestellt, dass namentlich Zooführungen für Schulklassen zuverlässig die Naturverbundenheit fördern [13]. Damit kann der vielzitierte Ausspruch des senegalesischen Umweltschützers BABA DIOUM greifen: „Wir werden nur schützen, was wir lieben, wir werden nur lieben, was wir kennen und wir kennen nur, was man uns beigebracht hat“.

Dass die Zoos, entgegen Behauptungen von Zoogegnern, welche die Relevanz von Zoos für die Umweltbildung abstreiten, nicht nur das Interesse an Tieren fördern sondern auch die Einstellung regelmäßiger Zoobesucher zum Artenschutz positiv beeinflussen, geht aus einer 2021 veröffentlichten transnationalen wissenschaftlichen Studie hervor [12].

 

Literatur und Internetquellen:

  1. DOLLINGER, P. (2008)
  2. DOLLINGER, P. (Hrsg., 2016)
  3. EAZA-NET
  4. HEDIGER, H. (1942)
  5. HEDIGER, H. (1973)
  6. KÖGLER, J., BARBOSA PACHECO, I. & DIERKES P. W. (2020)
  7. WAZA (2005)
  8. ZOODIREKTOREN (2018) - ehemaliger Internetauftritt des VDZ
  9. ZOO-RICHTLINIE DER EU (1999)
  10. ZOOVET-WIKI, abgerufen am 02.07.2021
  11. BAUR, B., BILLEN, W. & BURCKHARDT, D. (2008)
  12. KLEESPIES, M. W., ALVAREZ MONTES, N., BAMBACH, A. M., GRICAR, E., WENZEL, V. & DIERKES, P. W. (2021)
  13. BRAUN, T., & DIERKES, P. (2017)

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Gelesen 798 mal Letzte Änderung am Freitag, 21 Januar 2022 09:14
© Peter Dollinger, Zoo Office Bern hyperworx